Medien : Legalisiert die Schleichwerbung

Joachim Huber ärgert sich über scheinheilige

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Jürgen Emig ist die bösartige Ausnahme von der bösen Regel. Und die Regel geht so im deutschen Fernsehen: Zahlreiche Mitarbeiter akzeptieren Schleichwerbung, und einige wenige sind korrupt, die sind dann bösartig. Was in den letzten Wochen und Tagen an vollzogenem Product Placement bekannt geworden ist (und noch bekannt wird), lässt nur diesen Schluss zu – das Fernsehen, egal, ob privat oder öffentlichrechtlich, ist beim Sport, bei der Fiktion und bei den Ratgeber- und Servicesendungen anfällig für die finanziellen Einflüsterungen Dritter. Die Grauzone ist riesig, und Jürgen Emig markiert nur die Grenze zwischen legalem und illegalem Grenzübertritt: Nicht zulässig, aber nur Schleichwerbung ist es, wenn Produkte gegen Bezahlung Eingang finden in Produktionen, Korruption ist es, wenn das Bankkonto dessen, der dies aktiv eingeworben und eingefordert hat, davon aktiv profitiert. Wenn bei der Programmplanung nicht die Redaktion entscheidet, sondern der Sponsor und Zahler. Jürgen Emig (und jetzt vielleicht auch Wilfried Mohren) ist deswegen nicht die Grauzone, er ist die Tabuzone, er hat den „Spendern“ die Herzkammer seines Senders geöffnet, die Programmplanung.

Ist es ein Wunder, dass Schleichwerbung und Korruption vornehmlich im Sportsektor passieren? Der Sport ist bis in den Amateurbereich durchkommerzialisiert, das drückt auf die Medien, insbesondere aufs Fernsehen durch. Nenne einen Sportevent, wo Aktive und Umfeld nicht mit Werbebotschaften gepflastert sind!

Die Grauzone des deutschen Fernsehens: Die eine Automarke im „Tatort“, das Telefonunternehmen in der Casting-Show, das Medikament in der Gesundheits-Sendung – alles egal, weil eben keiner direkt geschädigt wird? Selbst beim korrupten Jürgen Emig ist die Zahl der Kläger erschreckend klein. Schleichwerbung ist das, was im Fernsehen zum Nutzen so vieler Beteiligter passiert. Legalisiert Schleichwerbung! Die Welt ist voller Marken, da muss das Fernsehen voller Marken sein, wenn es nicht fern von der Welt senden will.

Wer möchte, allen Beteuerungen und Codices zum Trotz, denn die so genannte gute alte Zeit zurück, als alle Mineralwasserflaschen mit dem Rücken zur Kamera platziert werden, alle Marken überklebt und anonymisiert wurden?

Das deutsche Fernsehen lebt mit und von der Schleichwerbung, da mögen die sehr scheinheiligen Senderchefs und Programmdirektoren in Ohnmacht fallen, wenn ein Fall offenbar wird. Vom aktuellen Fall nicht wissen, heißt nur, vom aktuellen Fall nichts wissen zu wollen. Die Etagen der Sender und der Produktionsfirmen sind durchzogen von der abstrusen Verlogenheit von unten nach oben: Der beauftragte Produzent akquiriert die Schleichwerbung, der beauftragende Sender übersieht die Schleichwerbung und verpflichtet den Produzenten vertraglich, dass absolut kein Fall von Schleichwerbung vorliegt. Ulkig, wie selten die Programmleute bei der Abnahme von Serien und Filmen bemerken, dass Schleichwerbung vorliegt. Entweder ist die Gewöhnung riesengroß oder die Schleichwerbung so subtil, dass es keiner bemerkt (was den Schleichwerber eigentlich empören müsste), oder es stört keinen wirklich (den Zuschauer übrigens auch nicht).

Die Wirklichkeit der Gesetze und Richtlinien und die Wirklichkeit des Fernsehens passen nicht zusammen. Es muss ein neuer Modus Vivendi her. Was immer als „Lex Emig“ ausgeschlossen werden muss: Dass ein Programm gemacht und gesendet wird, weil einer sich dafür hat bestechen lassen; dass nicht die Verantwortlichen das Programm für den Zuschauer bestimmen, sondern die bestochenen Verantwortlichen. Motto: Wenn einer teuer dafür bezahlt hat, dann ist es auch wert, gesendet zu werden.

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