„Legend of Grimrock“ : Unverschämt altmodisch

„Legend of Grimrock“ ist eine Hommage an die Kerker-Kloppereien der 80er und 90er Jahre und beweist: Rollenspiele waren früher besser.

Benedikt Plass-Fleßenkämper
Labyrinth des Bösen. Im Verlies warten Feinde und Fallen auf den Spieler.
Labyrinth des Bösen. Im Verlies warten Feinde und Fallen auf den Spieler.Foto: promo

Überraschungen sind in der Spieleindustrie die Ausnahme; Nachfolger zu populären Produktreihen bestimmen die Games-Landschaft. Es geht aber auch anders. Der Schwede Markus Persson landete mit dem Klötzchen-Baukasten „Minecraft“ einen veritablen Hit, und nun sorgt ein weiteres Werk aus dem Norden für Aufsehen. Vier Finnen, die sich im Februar 2011 zum Indie-Studio Almost Human zusammengeschlossen haben, liefern mit ihrem Debüt „Legend of Grimrock“ eine Hommage an die Kerker-Kloppereien der 80er und 90er Jahre ab.

Ob „Dungeon Master“ (1987), „Eye of the Beholder“ (1990) oder „Ultima Underworld“ (1992) – früher waren die verzwickten Höhlensysteme der sogenannten „Dungeon Crawler“ nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern integraler Bestandteil des Spieldesigns. Wo man sich in aktuellen Fantasy-Epen wie „Skyrim“ bestenfalls eine Stunde unter der Erde aufhält und sich im Rekordtempo durch Gegnerhorden schnetzelt, machten diese Klassiker den Dungeon selbst zum Star. Wochenlang bahnten sich die Spieler ihren Weg durch komplizierte, mit Fallen und Feinden gespickte Labyrinthe. Und genau hier setzt „Legend of Grimrock“ an, verzichtet auf das genretypische Drumherum: Quests, Dialoge, komplexes Regelwerk? Zwischensequenzen? Sprachausgabe? Fehlanzeige! Hier zählt einzig das Überleben im Mount Grimrock, in den vier Gefangene geworfen werden.

Ein riesiges Verlies mit 13 Ebenen voll von Monstern und Gemeinheiten wartet auf die Verurteilten – und die Freiheit, sollten sie den Berg unbeschadet überstehen. Geschafft hat das allerdings bislang noch niemand. Ungeduldige ziehen mit der Heldengruppe los, Profis basteln sich per Editor ihr eigenes Quartett. Drei Klassen (Krieger, Schurke, Magier) und vier Rassen (Mensch, Minotaure, Echsenmann, Insektoid) stehen zur Auswahl, deren Wahl die genauen Werte bei den Fähigkeiten und Attributen bestimmt.

Willkommen im Herz der Finsternis: Aus der Ich-Perspektive erkundet der Spieler spärlich ausgeleuchtete Gänge und Räume. Unheimliche Schreie hallen durch die Gemäuer. Alle Abschnitte bestehen aus quadratischen Kacheln, auf denen die Spielergruppe Rechteck für Rechteck voranschreitet. Das plötzliche, schrittweise Umschalten der Oldie-Vorbilder ist jedoch einem weicheren Spielgefühl gewichen. Ansonsten ist „Legend of Grimrock“ fast schon unverschämt altmodisch: Drehungen funktionieren nur in 90-Grad-Schritten, Springen oder Ducken ist nicht möglich. Das Spielerlebnis ist dennoch intensiv, vermittelt einem jederzeit ein Gefühl der Bedrohung.

Das fängt schon damit an, dass die Gruppe anfangs nackt und wehrlos ist. Doch schnell findet man eine Keule, die der Krieger im Nahkampf einsetzt; dann wiederum einen Stein, den der Schurke aus der zweiten Reihe auf Gegner schleudert. Nach und nach findet man immer bessere Waffen und Rüstungen, fackelt immer mächtigere Feuer- oder Eiszauber ab. Durchs Töten von Gegnern sammeln die Helden Erfahrungspunkte, die sie stufenweise im Charakterlevel aufsteigen lassen. Neben der klaustrophobischen Atmosphäre und spannenden Echtzeitkämpfen gegen Spinnen, Skelette oder Goblins tragen die Rätsel zur Spielerfahrung bei: Wandschalter, Bodenplatten oder Teleporter wollen durch geschicktes Kombinieren und Um-die-Ecke-Denken benutzt und tödliche Falltüren umgangen werden. Aufmerksame Spieler finden versteckte Knöpfe an den Wänden und öffnen Geheimräume, die Waffen oder Heiltränke bereithalten. Letztere darf der Spieler via Alchemie auch selbst brauen. Obendrein muss er seinen Trupp regelmäßig mit Essen versorgen, denn wer Hunger hat, regeneriert keine Lebenspunkte während der Ruhephasen.

Für noch mehr Retro-Flair aktiviert man den optionalen „Oldschool Mode“. In diesem verzichtet man auf das „Automapping“. Dann heißt es, wie in klassischen „Pen&Paper“-Rollenspielen selbst Hand anzulegen und die komplexen Korridore zu kartografieren. „Legend of Grimrock“ ist puristisch, verzeiht kaum Fehler und liefert nur wenige Hinweise zu den oft knackigen Puzzles. Doch genau darin liegt die Stärke des Rollenspiels: Es nimmt den Spieler ernst, fordert ihn zum Mitdenken auf und lässt ihn umso mehr jubeln, wenn er am Ende nach 20 Stunden das Licht der Freiheit erblickt. Benedikt Plass-Fleßenkämper

„Legend of Grimrock“ für PC. Preis: 13,99 Euro. Keine USK-Prüfung, darf an Jugendliche unter 18 nicht verkauft werden.

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