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Medien : Lieber Alan!

23.06.2012 00:00 Uhr

Diese Anrede ist, hoffe ich, in Ordnung? Unter Mathematikern herrschte sicher zu Deiner Zeit noch ein recht förmlicher Umgangston. Das ist heute anders. Und unter Schwulen ist das „Du“ ja üblich, auch manch ein Kuss zur Begrüßung.

Du bist sechs Jahre jünger als beide meine Großväter, 16 Jahre älter als mein Vater: Du hast Dich umgebracht, bevor wir uns kennenlernen konnten, elf Jahre vor meiner Geburt. So nah, so fern!

Ich kenne Dich (oder glaube, Dich zu kennen) aus der Biographie "Alan Turing. The Enigma" von Andrew Hodges - die ist mir im Sommer 1987 in die Hände gefallen, gleich nach meiner Promotion und meinem Coming-out am MIT.

Meinem Exemplar sieht man an, dass ich es intensiv gelesen habe, die Bindung zerfällt, und da sind Randnotizen mit Bleistift und Kugelschreiber. Angestrichen habe ich zum Beispiel: „Er hatte das Natürlichste der Welt gewollt; er mochte gewöhnliche Dinge. Aber er merkte, dass er ein ganz gewöhnlicher englischer homosexueller atheistischer Mathematiker war. Es würde nicht einfach sein“ auf Seite 115.

„Es würde nicht einfach sein“? Für mich - einen ganz gewöhnlichen deutschen homosexuellen Mathematiker - war vieles einfach: Ich war ehrgeizig, motiviert, wurde gefördert, hatte Freiräume. Ich habe hart arbeiten müssen, weil Mathematik ein schwieriges Fach ist, und weil ich natürlich nicht Dein Talent hatte, und das Schwierige hat mich eben auch gereizt. Aber ich hatte nie echte Probleme wegen des Schwulseins. Ich bin dankbar für die Freiräume - und versuche heute, aus Dank dafür, auch etwas zurückzugeben, im Rahmen meiner Arbeitsgruppe, der Universität und unserer Graduiertenschule, der „Berlin Mathematical School“, wo ich die Kommission für „Mentoring, Gender and Diversity“ leite.

Dich hingegen hat es alles gekostet, dass Du mit Deinem Schwulsein offen umgegangen bist. 1952 war das. Was dir angetan wurde, war geltendes Recht. Unrecht war es trotzdem. Man hat Dich vor eine unmenschliche Alternative gestellt: Gefängnis oder „chemische Kastration“. Du hast eine Hormontherapie über Dich ergehen lassen. Dir, dem Marathonläufer, der 1948 bei den Olympischen Spielen mitlaufen wollte, sollen Brüste gewachsen sein. Depression. Und dann Selbstmord, 1954, kurz vor dem 42. Geburtstag.

So behandelt England seine Genies, seine Helden? Erst 2009 hat sich Premierminister Gordon Brown im Namen der Britischen Regierung – unter dem Druck einer Internetpetition mit vielen tausend Stimmen – für das Urteil entschuldigt. Ein großes „Sorry“ also:

„Tausende Leute haben sich zusammengefunden, um Gerechtigkeit zu fordern für Alan Turing und Anerkennung der abstoßenden Weise, wie er behandelt wurde. Turing wurde zwar gemäß der damals geltenden Gesetze behandelt und wir können die Uhr nicht zurückdrehen, dennoch war seine Behandlung äußerst ungerecht und es freut mich, jetzt die Gelegenheit zu haben, zu sagen, wie sehr mir und uns allen das leid tut, was ihm passiert ist.“

Reicht Dir das? Eine neue Petition an die Britische Regierung läuft. Sie fordert eine posthume Begnadigung, also das offizielle Eingeständnis, dass das Urteil Unrecht war. Die hat inzwischen fast 35 000 Unterschriften. Begnadigung? Ein Freispruch steht an!

Heute feiern wir Deinen hundertsten Geburtstag. Dazu gibt es Aktivitäten in der ganzen Welt. In Cambridge, wo Du studiert hast, endet heute ein großer Kongress, der Dich zu Deinem Hundertsten feiert. Aber wir hier in Berlin haben eine Party für Dich organisiert: Der Berliner CSD steht, zu Deinen Ehren, unter dem Motto „Wissen schafft Akzeptanz“. Das ist Deine Party! Mit dabei, auf Wagen 11, die Britische Botschaft!

Nicht nur als Privatmann, sondern auch als Mathematikprofessor der Freien Universität Berlin, deren akademische und persönliche Freiheit Du nie genießen konntest, ist es mir ein Vergnügen und eine Ehre, dabei zu sein.

Der Berliner CSD heute wird vermutlich die größte Geburtstagsparty für einen Mathematiker aller Zeiten: Wir erwarten viele hunderttausend Teilnehmer. Herzlich willkommen!

Happy Birthday, Alan!

Dein Günter

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