Linkspolitiker in Talkshows : Radikal auf Knopfdruck

Linkspolitiker sind in Talkshows überrepräsentiert - dadurch macht das öffentlich-rechtliche Talkshow-System die Linke stärker, als sie ist. Ein Kommentar.

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Diskussionfreudig: Oskar Lafontaine (2.v.r.) war am Donnerstagabend bei Maybrit Illner im ZDF zu Gast.
Diskussionfreudig: Oskar Lafontaine (2.v.r.) war am Donnerstagabend bei Maybrit Illner im ZDF zu Gast.Screenshot: Tsp

Linke klingen auf Knopfdruck radikal, ihr geschlossenes Weltbild ist widerspruchsfrei, die meisten von ihnen sind rhetorisch versiert, der kühl-kämpferische Gestus einer Sahra Wagenknecht kommt gut an. Kein Wunder also, dass sie in kaum einer Talkshow fehlen dürfen.

In den Talks verdoppelt sich das ideologische Gewicht

Die Webseite Statista.com zählt, wer wie oft bei ARD und ZDF eingeladen wurde. Im Jahre 2013 lag Sahra Wagenknecht (Die Linke) auf Platz eins – gemeinsam mit Jürgen Trittin (Die Grünen), Peter Altmaier, Wolfgang Bosbach (beide CDU) und Thomas Oppermann (SPD). Im Jahr 2014 lag sie immerhin auf Platz vier. In einer Langzeituntersuchung der Jahre 2000 bis 2009 kommt Gregor Gysi auf Platz vier, Oskar Lafontaine (beide Linkspartei) auf Platz fünf. Man kann dies ein stolzes Ergebnis nennen - oder eine Überrepräsentation, finanziert durch Mediensteuergelder.

Nicht allein die Linke profitiert vom Unterhaltungsbedürfnis

Bei Wahlen liegt die Linke im Bund bei zehn Prozent. In einer Talkshow mit Gysi, Wagenknecht oder Lafontaine aber verdoppelt sich das ideologische Gewicht. Egal ob zum Thema Griechenland – wie am Donnerstag bei Maybrit Illner im ZDF –, Ukraine, NSA oder Flüchtlingspolitik: Schnell entwickelt sich im Verlauf einer Sendung die linke Position zu einer vollen Seite des argumentativen Pols. Das suggeriert eine Bedeutung linker Positionen, den diese nicht haben. Das öffentlich-rechtliche Talkshow-System macht die Linke in Deutschland stärker, als sie ist.

Exotische, aber pointierte Parteivertreter


Freilich steckt keine böse Absicht dahinter. Denn nicht allein die Linke profitiert vom Unterhaltungsbedürfnis, das durch Talkshows ja auch befriedigt werden soll. Im Jahr 2014 lag Bernd Lucke von der AfD gleichauf mit Wagenknecht. Und die ersten drei Plätze – Bosbach, Stoiber (CSU), Stegner (SPD) – wurden von eher exotischen, aber eben pointierten Vertretern ihrer jeweiligen Parteien belegt. In gewisser Hinsicht sind Talkshows das Gegenteil von Proporz. Doch auf ein Publikum, dem das nicht in jeder Sendung bewusst ist, kann sich diese Regel manipulativ auswirken. Dem medienmündigen Zuschauer, der demnächst wieder Wagenknecht, Lafontaine, Lucke oder Frauke Petry (AfD) sieht, sei daher gesagt: Deutschland ist größer als seine Talkshows.

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