Medien : Literatur im Fernsehen – muss das sein?

Das Verhältnis zwischen Buch und TV ist zwiespältig. Es gibt wenige Erfolge wie das „Quartett“ oder „Lesen!“. Jetzt kommt Wickert

Rainer Moritz

Wenn neue Medien entwickelt werden, wird – ein vorhersehbarer kulturpessimistischer Reflex – sofort der Niedergang der alten, natürlich viel wertvolleren Medien heraufbeschworen. Das war so, als das Dampfradio die Bürgerhäuser eroberte und man nicht nur das Ende jeder Thomas-Mann-Zuwendung, sondern auch den – strahlenbedingten – Tod aller Wohnzimmerwellensittiche befürchtete. Und erst recht, als sich das volksverdummende Fernsehen mit seinen flimmernden Bildchen, das primitive Pay-TV und das unübersichtliche Internet anschickten, zum Hauptfreizeitvergnügen der Deutschen zu werden. Um welche mediale „Revolution“ es auch immer ging: Das Buch, insbesondere das mit dem Attribut „gut“ versehene, schien der zwangsläufige Verlierer dieser Entwicklung zu sein, was die Kulturträger in den Fernsehanstaltungen im Gegenzug dazu nötigte, dem Buch einen – wenn auch meist bescheidenen – Sendeplatz einzuräumen.

Reinhart Hoffmeister, Alexander U. Martens, Manuela Reichart ... ungezählt die Namen der wackeren TV-Literaturanimateure, die sich der fast unlösbaren Aufgabe stellten, komplexe ästhetische Gebilde „fernsehgerecht“ abzubilden und sich mit dem Schicksal abzufinden, dass nicht jede Schriftstellerin als sinnliche Blondine oder elegische Melancholikerin homestorytauglich ist. Für Verlage und ihre Autoren ist das Fernsehen ein zwiespältiges Medium geblieben. „Ernsthafte“ Literaten und ihre feinsinnigen Lektoren oder Programmleiter freuten sich seit jeher darüber, wenn „aspekte“ oder „ttt“ zu nachtschlafender Zeit ihre Werke präsentierten, wohingegen die Vertriebschefs diese Phänomene achselzuckend wahrnahmen und auf fehlende Bewegungen in den Absatzkurven verwiesen.

Deutlich anders wurde die Situation, als 1988 das „Literarische Quartett“ aus der Taufe gehoben wurde und dank seines Streit- und Unterhaltungswertes mit einem Mal aus unscheinbaren Büchern Beststeller machte. Javier Marías, Cees Nooteboom, Marcel Beyer, Wilhelm Genazino – nicht wenige Autoren verdanken es der Runde um Altzampano Reich-Ranicki, dass sie zu Umsatzträgern des Buchhandels wurden, und wiewohl sich der Effekt im Lauf der Jahre abnutzte, bot das „Quartett“ ein bis dahin unbekanntes Promotionsforum für anspruchsvolle Titel.

Der Erfolg der Sendung veränderte den Blick, den die Presse- und Vertriebsabteilungen der Verlage auf das Fernsehen richteten. Das traditionelle Promoten von Büchern erwies sich gleichzeitig als immer verzwicktere Angelegenheit: Der Einfluss, den selbst lobendste Rezensionen im Printfeuilleton auf Verkaufszahlen hatten, ging kontinuierlich zurück, und die Hoffnung, Novitäten durch streuverlustintensive Anzeigenstrecken in den überregionalen Tages- und Wochenzeitungen sinnvoll anzuschieben, trog so oft, dass Ex-Verleger Vito von Eichborn kürzlich Annoncen für Bücher als „rausgeschmissenes Geld“ bezeichnete und auf die Alternativen „Pressearbeit, Medienarbeit, Guerilla-Marketing“ verwies.

Mit Blick auf das Fernsehen bedeutet das, dass die Verlage dieses Medium auf unterschiedlichste Weise zu umgarnen versuchen. Absatzfördernd ist freilich kaum eines der Formate, das dort für Bücher bereitgestellt wird – abgesehen von Elke Heidenreich, deren mit sympathisch einfachen Mitteln arbeitende Sendung „Lesen!“ es gelang, in die „Quartett“-Fußstapfen zu treten. Ausgewiesen als Autorin, nicht zuletzt für die buchaffine „Brigitte“, verkörpert Elke Heidenreich eine Tugend, die entscheidend für das TV-Promoten ist: Glaubwürdigkeit. Die Zuschauerinnen und Zuschauer von „Lesen!“ im ZDF sind geneigt, die in der Regel mit hohen Emotionen vorgetragenen Heidenreich-Empfehlungen für bare Münze zu nehmen – so als sei es eine gute Freundin gewesen, die ihnen die Bücher von John Griesemer, Jakob Hein oder Steve Tesich ans Herz gedrückt hätte.

Mit Spannung darf man demnächst verfolgen, wie sich die aus dem „Tagesthemen“-Dienst ausscheidende Galionsfigur Ulrich Wickert in seiner neuen Büchersendung des NDR machen wird. Die Ausstrahlungszeit – 23 Uhr 15 – signalisiert nicht, dass die ARD es offensiv mit Elke Heidenreich aufnehmen will. Immerhin, dem ausgewiesenen Sachbuch- und Krimiautor Wickert könnte seine Klientel einen heidenreichähnlichen Authentizitätsbonus entgegenbringen. Wer sich jahrelang von Wickert eine „geruhsame Nacht“ wünschen ließ, könnte sich nun von der einen oder anderen belletristischen Neuerscheinung überzeugen lassen.

Einen mit Elke Heidenreich vergleichbaren Effekt weist gegenwärtig keine der mit ihr indirekt konkurrierenden Sendungen auf. Denis Schecks „druckfrisch“, eine auch ohne Rolltreppendramaturgie hoch lebendige, international ausgerichtete Präsentationsform, leidet unter einem sehr späten Sendeplatz, der der arbeitenden Bevölkerung nicht entgegenkommt, und die alle Jahre wieder unternommenen Anstrengungen, mit bekannten Medienfiguren wie Helmut Markwort Buchempfehlungsformate zu kreieren, erfreuen sich selten einer längeren Lebensdauer. Ganz zu schweigen von der aberwitzigen Idee des MDR, eine Diätspezialistin wie Susanne Fröhlich („Moppel-Ich“) zur Buchplauderin zu machen.

Wenngleich kaum eine dieser Bemühungen dem Buch in umsatzschwachen Zeiten auf die Sprünge hilft, ist es für Autoren keine vertane Liebesmüh, sich für seriöse Kultursendungen zur Verfügung zu stellen. Wer die Nobilitierung durch „druckfrisch“, „aspekte“ oder „NDR-Bücherjournal“ erfährt, erhöht sein Renommee und damit seine Chancen, zu einem Kandidaten für das inzuchtlastige Karussell deutscher Literaturpreise und Stipendien zu werden, und so erlaubt es sich kein Verlag, diese Präsentationsfelder im Interesse seiner literarisch ambitionierten Autoren nicht zu beackern.

Weitaus größere finanzielle Bedeutung für den Markt erlangten in den letzten Jahren Talkshows, die verzweifelt darauf angewiesen sind, in schneller Folge Gesichter und Geschichten zu präsentieren. Routinebefrager wie Johannes Kerner oder Reinhold Beckmann, beide nicht im Verdacht stehend, ihre Gäste mit kritischen Nachfragen zu behelligen, sind ideale Partner, wenn es darum geht, Autobiografien (semi-)prominenter Persönlichkeiten zum Erscheinungstermin zu lancieren und so zu tun, als ob es von zeitgeschichtlichem oder kulturellem Belang sei, wenn Heiner Lauterbach „offen und ehrlich“ auf seine wilden Jahre zurückblickt. Und auch für die im Buchgeschäft so beliebten „wahren Geschichten“ sind Talksendungen attraktive Möglichkeiten, kostengünstig Werbung zu schalten: Wollen wir, die wir alle nicht so viel Aufregendes erleben, nicht dringend erfahren, wie es sich anfühlt, als Wüstenkind, Dschungelfrau oder weiße Massai durchs Leben zu kommen? Diese oftmals immens erfolg- und tränenreichen Stücke eignen sich wunderbar dafür, in intimer Zwiesprache mit dem Moderator präsentiert zu werden, zumal sich mit Sicherheit eine Gelegenheit finden wird, das druckfrische Buch wie zufällig in die Kamera zu halten.

Nicht immer sind es freilich angejahrte Schauspieler oder No-name-Abenteuerinnen, die darauf angewiesen sind, ihre Lebensbeichten via Talkrunde zu vermarkten. Noch in diesem Herbst werden wir erleben, wie Altkanzler Gerhard Schröder seine 500-Seiten-Autobiografie „Entscheidungen“ inszenieren wird, und es bedarf keiner prophetischen Gabe, um sich ein feinsinniges TV-Exklusiv-Zwiegespräch zwischen dem Elder Statesman Schröder und einem Stichwortgeber vorzustellen. Gleichgültig, ob uns dann ein Werk von churchillschem Zuschnitt oder nur eine Rechtfertigungsschrift der Hartz-Reformen vorgestellt werden – den Absatz der Schröder-Memoiren wird das Fernsehen sicher befördern.

Der Autor leitet das Literaturhaus Hamburg

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