Ludger Pistor im Porträt : Mister Germany

Von wegen Nebenrolle: Ludger Pistor hat es für einen ARD-Film ins Rampenlicht geschafft. Ein famoser, uneitler Diener am großen Ganzen.

Jan Freitag
Ludger Pistor.
Ludger Pistor.Foto: WDR/Martin Valentin Menke

Nebenrolle, das ist im Grunde zweites Glied. Ein lauschiges Plätzchen am Rande der Aufmerksamkeit, nicht irrelevant, aber austauschbar. Nebenrolle, wer will das schon sein? „Niemand“, glaubt Ludger Pistor. „Auch ich steh ja gern im Mittelpunkt“, fügt der Darsteller unzähliger Filme und mindestens ebenso vieler Serienepisoden, von denen einem nur grad irgendwie keine einzige einfällt, hinzu. Auch er wolle sich „nicht auf Krampf nach vorn spielen“, Gott bewahre, doch jeder Schauspieler, Pistor lacht fröhlich, „hat Angst, nicht wichtig zu sein und ersetzbar“.

Anders als in „Schnitzel für alle“ also. In der ARD-Komödie – „Ich traue es mich gar nicht zu sagen“, so Pistor – spielt das Ruhrpottgewächs mit 54 Jahren erst die zweite bedeutsame Hauptrolle. Und das auch nur, weil es die Fortsetzung seiner ersten ist: „Ein Schnitzel für drei“. Mit dem Film durfte Ludger Pistor 2010 einen Wahrnehmungserfolg vorn auf der Besetzungsliste verbuchen. Davor wie danach gab es zwar Sprechauftritte in Blockbustern: „Schindlers Liste“, „Casino Royale“, „Inglourious Basterds“, zuletzt „X-Men“, solche Kaliber. Vor allem aber gab es nach seinem furiosen Kinodebüt in „Der Name der Rose“ vor 30 Jahren reihenweise Assistenzeinsätze bei Schimanski, Parts in Filmen wie „Lüg weiter, Liebling“, „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, „Cobra 11“. Und die eine preisgekrönte RTL-Serie, in der er den Sidekick der Titelfigur „Balko“ gab.

Gut geschulter Mann: Ludger Pistor

Ludger Pistor, dieser gut geschulte Mime mit Ausbildungsstationen in New York bis Wien, war also ein langes Berufsleben lang bloß Ergänzungsspieler. Das wirft die Frage auf: Reicht ihm das? „Tja“, sagt Ludger Pistor zögernd und verweist auf Theo Lingen. Der habe vorm Krieg vor allem Hauptrollen gespielt. Danach allerdings sei Theo Lingens Paradetypus vom „kleinen Mann“ zusehends in den Hintergrund gedrängt worden. Selbst ein Heinz Rühmann, glaubt Pistor, „würde heute nicht mehr reüssieren“.

Pistor, selbst aus „kleinen Verhältnissen“ stammend, sieht den Typus des Otto Normalverbrauchers – ebenso wie bei Rühmann – als seine Kernkompetenz. Ihm liegen Figuren wie jener Wolfgang, der in „Schnitzel für alle“ an Armin Rohdes Seite so weit unten im sozialen Ranking startet, wie ihn der erste Teil entlassen hatte. Die zwei Überlebenskünstler helfen dem Glück diesmal zwar gemeinsam mit einer Behinderten-WG auf die Sprünge, indem sie fremdes Geld im Kasino mehren. Doch auch jetzt wird das Happy End eines mit Haken sein.

Im deutschen Film ist derlei Heiterkeit am Rande der Gesellschaft die Ausnahme. Ein Glück für Ludger Pistor, der es als „Mr. Germany, wie ich mich hin und wieder nenne“, schafft, „90 Prozent der Bevölkerung zu repräsentieren“ und trotzdem an der Bühnenkante zu stehen. Zumal Nebenfiguren zwar oft „im Schatten der Titelfiguren stehen, aber trotzdem im Rampenlicht“. Wie Derricks Assistent Harry, den Pistor „eine der tollsten Figuren der deutschen Fernsehgeschichte“ nennt. Das würde auch Hanns Zischler sagen, der seit 1970 weit mehr als 100 Filme mit seinem „schweigenden Gesicht“, wie es der „Stern“ einmal lobte, bereichert hat. „Ich stehe in der Besetzungsliste oft an vierter, fünfter Stelle.“ Das sei kein Verharren auf halber Treppe zum absoluten Erfolg, sondern eine Frage der Ökonomie. „Man muss in jeder Rolle geistesgegenwärtig sein.“ Schließlich sei niemand entbehrlich, nicht im Film noch auf der Bühne.

„Supporting Act“ nennt die US-amerikanische Filmwissenschaft Charaktere seiner Güte. Sie heißen hierzulande Martin Brachbach, Sandra Bormann oder auch Johanna Gastdorf: famose, uneitle Diener am großen Ganzen, im Hintergründ tätig und doch Handlung selbst wie die erste Garde. In „Ein Schnitzel für alle“ sind das eine großartige Therese Häher, die als Wolfgangs Frau abermals hinter den Stars agiert. Oder Christina do Regio als deren Tochter Jessica, die nicht nur in „Pasewalk“ ihr komisches Talent bewiesen hat. „Je besser die Qualität bei der Besetzung der Nebenrolle ist“, hat Bertolt Brecht übers Theater gesagt, „desto besser ist die Inszenierung.“

„Schnitzel für alle“, ARD, Mittwoch um 20 Uhr 15

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