Lug und Betrug : Die Frau, die Marie Funder war

Die frühere NDR-Fernsehfilmchefin Doris Heinze steht jetzt wegen der Drehbuch-Affäre vor Gericht. Auch ihr Ehemann und eine Produzentin müssen sich verantworten.

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Aus bessseren Tagen. Die NDR-Fernsehspielchefin Doris Heinze (links) posiert 2006 mit der Schauspielerin Ursula Karven. Foto: ddp
Aus bessseren Tagen. Die NDR-Fernsehspielchefin Doris Heinze (links) posiert 2006 mit der Schauspielerin Ursula Karven. Foto: ddpFoto: dapd

Ihr eigenes Urteil hat Doris Heinze schon im vergangenen Jahr gesprochen. Das Ganze sei „absoluter Schwachsinn“ gewesen. In gewisser Weise habe sie mit der Sache abgeschlossen, sagte die frühere Fernsehspielchefin des Norddeutschen Rundfunks (NDR) in einem Interview. Doch der öffentliche Schlussakt beginnt erst an diesem Donnerstag. Knapp drei Jahre nach Bekanntwerden des Skandals steht die 63-Jährige in Hamburg vor Gericht, wegen Bestechlichkeit in vier Fällen, schwerer Untreue in drei Fällen und Betrugs. Im Fall einer Verurteilung droht ihr eine mehrjährige Freiheitsstrafe.

Heinze hatte laut Anklage unter Pseudonym selbst geschriebene Drehbücher in ihren Sender eingeschleust und ihrem Ehemann verdeckt Aufträge zugeschustert. Es geht um Stoffe wie „Fast ein Volltreffer“, „Der zweite Blick“ oder „Dienstage mit Antoine“, offiziell verfasst von „Marie Funder“ und „Niklas Becker“. Hinter den beiden – fiktiven – Drehbuchautoren steckten die Eheleute Doris Heinze und Claus Strobel. „Becker“ und „Funder“ waren für Nachfragen nie erreichbar; das sollten sie auch auf keinen Fall sein.

Heinze hatte für Niklas Becker hatte folgende Biografie zurechtgelegt, wie sie im Presseheft zum NDR-Film „Der zweite Blick“ – ARD-Ausstrahlung am 2. August 2006 – zu lesen war: „Niklas Becker wuchs im Ruhrgebiet auf. Nach seinem Studium der Publizistik und der Kunstgeschichte arbeitete er zunächst als Übersetzer, Journalist und Filmkritiker. Seit 1986 lebt er in Amsterdam und Montreal, wo er unter anderem als Script-Doctor tätig war.“ Falls es Fragen an den Autor in Übersee gab, kümmerte sich Doris Heinze um die Antworten. „Die Pseudonyme dienten dazu, die wahre Identität und die Verwandtschaftsverhältnisse zu verschleiern“, sagt der Sprecher der Hamburger Staatsanwaltschaft, Wilhelm Möllers. Die Anklagebehörde wirft Heinze insbesondere verbotene Absprachen mit der Münchner Produzentin Heike Richter-Karst vor. Sie soll Drehbücher von „Marie Funder“ und „Niklas Becker“ bei Heinze gekauft oder in Auftrag gegeben haben – obwohl sie wusste, wer Autor, wer Autorin war. Im Gegengeschäft soll die Fernsehspielchefin versprochen haben, sich dafür einzusetzen, dass der Sender justament diese Firma beauftragt. Ein geschlossenes System, das über Jahre funktionierte. Zudem soll Heinze ein fast identisches Drehbuch – „Dienstage mit Antoine“ und „Dienstage mit Marie“ – doppelt verkauft haben.

Als NDR-Mitarbeiterin durfte Heinze Drehbücher schreiben, einmal pro Jahr einen eigenen Stoff in der ARD verfilmen lassen. Dafür hätte sie nur die halbe Gage erhalten. Mit den Büchern, die sie unter falschem Namen verfasste, soll sie aber das volle Honorar von rund 26000 Euro kassiert haben. Der NDR, als öffentlich-rechtliche Verwaltung bis auf die Knochen blamiert, zog Lehren aus der Affäre, verschärfte die Regeln bei Pseudonymen und Aufsicht. Jedenfalls reihte sich die Drehbuchaffäre passgenau in die Skandale weiterer ARD-Häuser wie dem MDR ein, wo beim Sendermündel Kika über Jahre annähernd zehn Millionen Euro in fremde Taschen abfließen konnten.

Doris Heinze sitzt nicht allein auf der Anklagebank: Auch ihr Ehemann und die Filmproduzentin müssen sich vor der Wirtschaftsstrafkammer verantworten. Die Staatsanwaltschaft legt den Angeklagten insgesamt 14 in der Zeit von November 2003 bis Juli 2007 begangene Straftaten zur Last. „Für alle Beteiligten hat es sich um risikofreie und einträgliche Geschäfte gehandelt – zulasten der Gebührenzahler“, sagt Möllers. Während die Produzentin geständig ist, schweigen die Eheleute bislang zu Vorwürfen und Motiven. Vor Gericht werde Heinze „schlichtweg die Wahrheit“ sagen, kündigt ihr Verteidiger Gerd Benoit an. „Sie wird den tatsächlichen Sachverhalt schildern.“ Die 63-Jährige wolle den Prozess hinter sich bringen: „Sie leidet sehr unter der Länge des Verfahrens.“ Bis 10. August hat das Gericht fünf Verhandlungstage angesetzt.

Doris Heinze arbeitete seit 1991 als Fernsehspielchefin in Hamburg. Sie war verantwortlich für die NDR-„Tatorte“ aus Hamburg, Hannover und Kiel, für den „Polizeiruf 110“ sowie etliche Einzelwerke. Beim NDR galt sie als mächtige Frau, ihr Charme war mindestens so kühl wie ihre Expertise anerkannt. Ein Ja oder Nein der Filmspielchefin mit eigener Drehbucherfahrung wurde akzeptiert. Doris Heinze hatte ein Gespür für Quotenerfolg.

Der Verband Deutscher Drehbuchautoren hatte nach Auffliegen des Betrugs erklärt, es habe Zeichen für eine Vetternwirtschaft gegeben. „Niemand wollte es sich aber mit einer so mächtigen Institution wie Doris Heinze verscherzen.“ Anders im NDR: Da gaben sich alle ohne Ausnahme überrascht. Im September 2009 endete Heinzes Karriere jäh, der NDR kündigte fristlos. Dagegen zog Heinze vor das Arbeitsgericht, um sich schließlich mit dem Sender zu vergleichen. Das Arbeitsverhältnis wurde beendet, zu Unrecht erhaltene Honorare, angeblich 90 000 Euro, zahlte sie zurück. (mit dpa)

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