Männer allein im Vorstand : Raus aus dem Barbiehaus

„Frauen bewegt Euch“ Richtung Chefetage: Eine ARD-Reportage geht der Frage nach, weshalb nur wenige Frauen Karriere machen. Und hat schnell einen Schuldigen ausgemacht: Den Mann.

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Unternehmensberaterin Tanja Wielgoß beim Boxen.
Durchgeboxt. Tanja Wielgoß hat es geschafft. Sie ist Partnerin in der Unternehmensberatung AT Kearney.Foto: NDR

Man kann es betrachten wie Heiner Thorborg: Frauen studieren das Falsche, jammern herum, statt zu handeln, und wenn es im Beruf gar zu anstrengend wird, lassen sie sich schwängern und werden Hausfrau. Die Einschätzung des Headhunters für Führungskräfte ist die drastischste in der ARD-Reportage „Frauen bewegt Euch“ – wenn auch nicht die einzig frauenkritische. Dass die Realität komplexer ist, offenbaren mannigfaltige Perspektiven, die Regisseurin Rita Knobel-Ulrich für ihren 45-minütigen Film zusammengetragen hat. Die Riege der Protagonistinnen ist beeindruckend: Regine Stachelhaus, erste und einzige Frau im Vorstand von Eon, ist darunter, Tanja Wielgoß, Partnerin in einer der weltweit größten strategischen Unternehmensberatungen, AT Kearney. Eine Oberärztin aus Hamburg, die Vertriebsleiterin eines oberschwäbischen Fertighausherstellers, Kauffrauen und Studentinnen. Ein Querschnitt durch die Branchen und Generationen also unter der Ausgangsfrage: Warum gibt es nach vierzig Jahren Frauenbewegung noch immer einen Mangel an Frauen in Führungspositionen? 19 der 30 Dax-Vorstände sind noch immer reine Männerklubs.

Neue Antworten liefert der Film nicht. Aber auch Altbekanntes kann relevant sein, wenn es aus neuen Mündern kommt und das Thema drängt. Knobel-Ulrich hat sich solcher Themen immer wieder angenommen. Von Scheidungskindern über das Coming-out homosexueller Jugendlicher hin zum Leben mit Hartz IV.

Ihre neueste Arbeit verdeutlicht einmal mehr, dass einerseits alle Frauen vor denselben Problemen stehen – wenn zum Beispiel Wielgoß, als Beraterin von Lufthansa Cargo für ein 700-Millionen-Euro-Projekt verantwortlich, sich von den Großeltern vorwerfen lassen muss, die Enkel zu früh in die Kita gegeben zu haben. Oder ein Lob für eine angehende Wirtschaftsingenieurin mit Erstaunen einhergeht: „Du machst das schon ganz gut... für eine Frau.“ Dass andererseits aber jedes Leben anders ist, jede Frau ihre Entscheidungen selber treffen muss. Sie habe auch einmal Businessfrau UND Mama sein wollen, erzählt eine Desillusionierte. „Wer den ganzen Tag kämpfen möchte, soll das tun.“

Einseitig: Schuld sind die Männer

Doppelbelastung, Arbeitszeiten, Männerwirtschaft – Rita Knobel-Ulrich spricht viele wichtige Aspekte an. Ein wenig zu durchchoreografiert wirkt ihr Film, ganz ohne Notwendigkeit. Da kommen starke Aussagen zusammen, aber die Macherin erzwingt weitere, indem sie die Sätze ihrer Gesprächspartner an ihrer Stelle zu Ende führt oder hartnäckig in eine Richtung treibt.

Immer wieder geht die Frage an Frauen, die sich für eine Aus- oder Teilzeit entschieden haben: Ob der Mann das gleiche Opfer bringe? Als Selbstständiger dürfe er den Kundenkontakt nicht verlieren, erklärt eine, die andere: Ihr Freund habe eine Leitungsposition, könne deshalb nicht lange fernbleiben. Knobel-Ulrichs Zusammenfassung: „Wie schaffen Männer es bloß, sich Bedeutung zu verleihen und Frauen zu vermitteln, sie seien zu wichtig, um auszusteigen?“ Fraglich auch der Kosmos der Mutter, den sie entwirft. „Gestern noch wollte sie ganz nach oben, heute bestimmen Bäuerchen und Brei ihren Alltag.“

Immer lauter wird so ihre eigene Botschaft: Die Frauen hält man klein. Da wird im Kindergarten die Geschichte vom „schönen, sittsamen, freundlichen und verständigen Dornröschen“ vorgelesen, „das jeder Mann, der es ansah, lieb haben musste“. Jungs retten die Welt, Mädchen bleiben im Barbiehaus. In der Mensa trifft die Journalistin einen Studenten, der sich nicht vorstellen kann, für Kinder seinen Beruf hintanzustellen. „Wächst da die nächste Generation von Männern heran, die finden, Kinder seien Frauensache“, warnt sie aus dem Off. Modern denkende Männer sind Mangelware in dieser Bestandsaufnahme.

Mehr und mehr entsteht so der Eindruck: Hier hat jemand gründlich, aber nicht ergebnisoffen recherchiert.

Nehmt die Männer in die Pflicht, Frauen, schreit der Film, ihr werdet sonst um alles gebracht. Für die Fortsetzung: Beim Tagesspiegel verabschieden sich reihenweise Männer in die Elternzeit. Und wir kennen Kindergärten, in denen „Pippi Langstrumpf“ und „Ronja Räubertochter“ vorgelesen wird.

Hätte die Macherin sich doch selbst auch ein bisschen mehr bewegt – weg vom Klischee.

„Frauen bewegt euch“, ARD, Montag, 23 Uhr 15

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