Mankell-Verfilmungen : Kenneth-Branagh-Festspiele

Als Kommissar ist er unübertroffen, menschlich hat er seine Schwächen. Der Shakespeare-Schauspieler Kenneth Branagh leidet in drei neuen Krimis als Kurt Wallander.

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Unrasiert, mürrischer Blick: Kenneth Branagh als Kommissar Kurt Wallander. Als Polizist ist er begnadet, in seinem Innern toben jedoch ganz andere Kämpfe. Foto: ARD
Unrasiert, mürrischer Blick: Kenneth Branagh als Kommissar Kurt Wallander. Als Polizist ist er begnadet, in seinem Innern toben...Foto: ARD Degeto/Yellow Bird Rights/Le

„Er hat gesagt, Sie machen Ihre Arbeit gut“, sagt Baiba Liepa, die Witwe des ermordeten lettischen Polizisten, zu Kurt Wallander. „Manchmal, aber das ist auch das Einzige, was ich gut kann“, erwidert der schwedische Kommissar und fasst damit sein ganzes Dilemma in einem einzigen Satz zusammen. In seine Fälle kann sich die Romanfigur des schwedischen Krimi-Autors Henning Mankell auf unnachahmliche Weise hineindenken. Kurt Wallander nimmt Details wahr, die seinen Kollegen verborgen bleiben. Doch auf persönliche Fragen bleibt er stumm. In zwischenmenschlichen Belangen fehlen ihm die Worte.

Zum Jahreswechsel sendet die ARD die dritte Staffel von drei neuen Kurt-Wallander-Krimis mit dem britischen Shakespeare-Darsteller Kenneth Branagh. Die beiden ersten hatte das Erste 2008 und 2010 ausgestrahlt. In diesem Jahr nun laufen die „Hunde von Riga“ an diesem Sonntag und „Vor dem Frost“ am Sonntag darauf. Den Anfang macht am Freitag mit „Ein Mord im Herbst“ eine Wallander-Verfilmung, die noch nicht zu sehen war.

Der Fall beruht auf einer Kurzgeschichte von Mankell mit dem Titel „The Grave“. Wallander, der nach einer Scheidung allein lebt, wagt mit seiner neuen Lebensgefährtin Vanja (Saskia Reeves) einen Neuanfang. Zusammen ziehen sie in ein Traumhaus direkt an der Ostsee. Doch das Glück währt nur kurz, Wallanders Hund findet unter einem Johannisbeerbusch hinterm Haus ein Skelett. Bei der Toten handelt es sich um eine junge Frau, die vor zehn Jahren ermordet wurde. „Ich dachte, du wolltest keine Arbeit mehr mit nach Hause nehmen“, sagt Wallanders Kollege Nyberg, doch seinem Chef ist nicht nach Scherzen zu Mute. Ihm macht diese Tote besonders schwer zu schaffen. Am Anfang des Films hatte bereits eine andere junge Frau ihr Leben verloren. Ihr abgetrennter Arm wird in der Nähe von Ystad angespült. Offenbar war sie Passagier auf der Fähre von Polen nach Schweden. Doch niemand weiß, ob sie vom Schiff gesprungen ist oder gestoßen wurde.

Kenneth Branagh, in Nordirland geboren und von der Queen Mitte des Jahres geadelt, ist der dritte Schauspieler, der Mankells Romanfigur verkörpert. Geprägt hat die Rolle der Schwede Rolf Lassgard. Sein tragisch-melancholischer Wallander, der in Deutschland vom ZDF ausgestrahlt wurde, basierte auf den titelgebenden Romanen und wurden fast ausnahmslos in der Reihenfolge der Buchvorlagen gesendet. Krister Henriksson stand hingegen für einen pragmatischen und erheblich lebensfreudigeren Wallander. Seine Fälle beruhten weitgehend auf Drehbüchern und Entwürfen, die Mankell speziell für die ARD-Reihe geschrieben hat. Kenneth Branagh nun ist in mehrfacher Hinsicht der wahre Nachfolger von Lassgard. Es ist schwer zu sagen, wessen Schwermut größer und wessen Leidensmiene deprimierender ist.

Die drei neuen Filme handeln von drei neuen Fällen, zugleich geht es um drei Frauen und somit um drei komplizierte Beziehungen. Zu seiner neuen Lebensgefährtin Vanja, zu Polizistenwitwe Baiba und zu seiner Tochter Linda. Dabei sind die neuen Folgen wie selten zuvor auf den Hauptdarsteller fokussiert. Sowohl mit den Romanen als auch den anderen Wallander-Verfilmungen wurde immer auch ein Stück Sozialkritik transportiert, indem zum Beispiel der Rechtsruck der schwedischen Gesellschaft beklagt wurde. Aber auch das Ermittlerteam spielte eine größere Rolle. Die BBC-Filme hingegen sind reine Branagh-Festspiele. Nichts soll von Wallanders Kämpfen gegen das Verbrechen und seine innere Zerrissenheit ablenken. Selbst in „Hunde von Riga“ kommt die Kritik an den Verhältnissen in Lettland nach dem Zusammenbruch des Sowjetreichs eher am Rande vor.

Dabei wird Branaghs Rolle zunehmend eindimensional. Ganz am Anfang, als Wallander und Vanja zusammenziehen, darf Branagh für kurze Zeit einen gelösteren Kommissar darstellen. Doch allzu schnell hält der Trübsinn wieder Einzug. Dagegen kommt auch Branagh, der sich selbst als Positivdenker bezeichnet, nicht an. Immerhin kann Wallander tun, was er am besten kann: abscheuliche Mordfälle lösen, wie es sie besonders in schwedischen Krimis gibt.

„Ein Mord im Herbst“, 22 Uhr; „Hunde von Riga“, Sonntag um 21 Uhr 45, „Vor dem Frost“, 6. Januar um 21 Uhr 45, alle ARD

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