Marietta Slomka vs. Sigmar Gabriel : Ein Interview darf nicht zur Mutprobe werden

Nach dem Interview der ZDF-Moderatorin Marietta Slomka mit SPD-Chef Sigmar Gabriel mischte sich zuletzt sogar CSU-Chef Horst Seehofer ein. Der sitzt auch im ZDF-Verwaltungsrat. Unser Autor Joachim Huber findet, dass Schluss sein muss, mit dem Zugriff den die Parteipolitik auf das Programm und seine Macher hat.

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Marietta Slomkas Gabriel-Interview hat Diskussionen ausgelöst.
Marietta Slomkas Gabriel-Interview hat Diskussionen ausgelöst.Foto: imago

Noch ehe die große Koalition regiert, hat sie schon mal reagiert. Auf das Interview, das die ZDF-Journalistin Marietta Slomka mit SPD-Chef Sigmar Gabriel im „heute-journal“ in Sachen Mitgliederentscheid zum Koalitionsvertrag geführt hat. Gabriel antwortete zunehmend empörter auf die verbissen-insistierende Moderatorin und warf ihr Parteilichkeit vor. CSU-Chef Horst Seehofer setzte sich gleich hin und schrieb an ZDF-Intendant Thomas Bellut einen empörten Brief über die „absurden Fragen“ Slomkas.

Ein unerheblicher Einzel- oder der große Präzedenzfall? Will die große Koalition aus CDU, CSU und SPD das Fernsehen von ARD und ZDF gleich auf Linie bringen? Journalisten von ARD und ZDF dürfen nur fragen, was Politiker beantworten wollen?

Beide Seiten sind sich sehr zugetan. Die Politik bestimmt, in welchen Strukturen der öffentlich-rechtliche Rundfunk arbeiten kann. Siehe nur die zu Jahresbeginn eingeführte Haushaltsabgabe – so umfassend und so tiefgreifend ausgestaltet, dass der Bundesbürger diesem einzigartigen Finanzierungssoli erst im Todesfall entgehen kann. In den Aufsichtsgremien der Anstalten dominieren unverändert die Parteienvertreter – keine Intendantenwahl ohne Absprache und Einflussnahme. Soll Politik da keine Dankbarkeit erwarten dürfen? Dafür, dass sie sich im Großen um die Milliardeneinnahmen kümmert und im Kleinen um so manche Karriere in den Sendern.

Das Erstaunliche ist die Aufregung

Das Erstaunliche an der Aufregung um das Interview von Marietta S. und Sigmar G. ist die Aufregung darum. Ist eben keiner gewohnt, dass Journalist und Politiker im öffentlich-rechtlichen Beziehungstango straucheln. Da muss jede noch so kleine Hand- und Mundbewegung sitzen, haben die doch wieder und wieder geübt.

Gewiss, es hat etwas von einer dreisten Unterstellung, dass der Politiker den Journalist im Sender sagen kann, was er zu tun und was er zu lassen hat. Zugleich wird dieser Verdacht stets aufs Neue genährt, wenn CSU-Chef Horst Seehofer mit im ZDF-Verwaltungsrat sitzt, der über die Besetzung der Chefposten auf dem Mainzer Lerchenberg bestimmt. Die dunkle Macht schafft, wie auch anders, Abhängigkeiten. Und wenn nicht diese Geben-und-Nehmen-Attitüde, dann füttert sie den öffentlichen Eindruck, Parteimenschen und Sendermenschen hätten mehr sich und das jeweilige Fortkommen im Blick als den Zuschauer und Zahler.

Das Publikum hat ein geschultes Sensorium

Alle Parteipolitiker raus den Gremien? Diese Ex-und-Hopp-Lösung wäre keine. Wenn gesellschaftlich relevante Gruppen von den Beamten bis zu den Tierschützern Sitz und Stimme in den Aufsichtsräten haben sollen, dann selbstverständlich auch Vertreter der Parteien. Sind ja nicht die Parias der Gesellschaft. Was vermindert, am besten beseitigt werden muss, ist die institutionell angelegte Zugriffsmöglichkeit der Parteipolitik auf das Programm und seine Macher. Ein Interview darf nicht zur öffentlich ausgetragenen Mutprobe werden, ein politisches Interview hat Themen, Standpunkte und Widersprüche zu klären, aufzuklären. Mal laut, mal leise, am besten kompetent. Das Publikum hat ein geschultes Sensorium dafür, ob ein „heute-journal“ im ZDF ständig Sozi-Bashing betreibt, wie Gabriel behauptet. Dann rebelliert der Zuschauer oder, schlimmer noch für den Sender, er bevorzugt die „Tagesthemen“ der ARD.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss so fundamentiert sein, dass er keine Helden im Studio braucht. Marietta Slomka taugt nicht zur Jeanne d’Arc des Zweiten Deutschen Fernsehens.

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