Mario Sixtus zu Nachrichtenangeboten im Internet : Überdrehte Kinder auf Speed

Allerorten sprießen vorgeblich nachrichtliche Angebote aus dem Web, die sich vorgenommen haben, das journalistische Niveau in Deutschland nach unten zu erweitern.

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Mario Sixtus.
Mario Sixtus.Foto: mauritius images

Es gibt Nachrichtenangebote im Web, die brüllen einen geradezu an. Das Newsportal „Deutsche Wirtschafts Nachrichten“ („DWN“) ist so ein Schreihals. „Geheimpapier: EU will Sparguthaben für Euro-Rettung konfiszieren“, trompetet „DWN“ dem Leser ins Gesicht. Der dazugehörige Artikel liest sich wie ein einziges, riesiges Ausrufungszeichen: Die EU-Kommission plane – so hyperventiliert es zumindest der Text –, sich an den privaten Sparguthaben der EU-Bürger zu vergreifen! Man muss den Text aufmerksam lesen, um festzustellen, dass die Substanz dieser angeblichen Nachricht gegen null tendiert. Denn was das für ein ominöses „Geheimpapier“ sein soll, erfährt der Leser ebenso wenig wie die Namen der angeblichen Verfasser und erst recht nicht, wie die obskure Wirtschaftspublikation in den Besitz dieses Papieres gekommen sein will. Kurz: „DWN“ verbreitet heiße Luft – und das sehr laut.

Die „DWN“ ist keine Ausnahme, was den Trend im Online-Journalismus angeht. Allerorten sprießen vorgeblich nachrichtliche Angebote aus dem Web, die sich offenbar vorgenommen haben, das journalistische Niveau in Deutschland nach unten zu erweitern – und gleichzeitig nach Aufmerksamkeit zu schreien wie ein überdrehtes Kind auf Speed.

„Vice“ ist auch so ein Kandidat. Anders als die „Deutschen Wirtschafts Nachrichten“ gibt sich das Onlinemagazin „Vice“ cool, hip, urban, und international. Die deutsche Ausgabe kann sich aus dem reichen Medienfundus des New Yorker Mutterhauses bedienen. Maschinengewehrstrotzende Videos aus Syrien, eine Fotostrecke aus Rom („Exzesse in der ewigen Stadt“), ein „Plädoyer für mehr Schamhaare“ und eine Interviewreihe über „Lernen auf Droge“: „Vice“ versteht sich als Publikation für „Gonzo-Journalismus“, eine radikal-subjektive Form der Berichterstattung, die genau genommen gar keine sein will, sondern viel eher Pop-Literatur produziert. „Vice“ ist Entertainment pur und hat mit Journalismus nichts zu tun. Fraglich nur, ob das allen Lesern klar ist.

„Deutschland hat ein UFO-Problem“

Die deutsche Ausgabe der „Huffington Post“ ist aus ganz anderen Gründen unerträglich. Sie ist eine ungenießbare Suppe aus Herumgemeintem, Abgeschriebenem, Behauptetem, Belanglosem, Abwegigem, Überdrehtem und Überhitztem. Hier darf sogar der „Grenzwissenschaftler“ Andreas Müller ungestraft „Deutschland hat ein UFO-Problem“ vor sich hinplappern.

Das Internet ist ein quasi-unendlicher Raum und die oben aufgeführten journalistischen Totalversager wären keine Erwähnung und kein Kopfschütteln wert, wären sie nicht erfolgreich in ihrer Niveau-Vernichtungs-Strategie: Facebook und Twitter sind voll von Links auf deren oft geradezu groteske Artikel – und diese traurige Tatsache kann man noch nicht mal den Machern von „DWN“ oder „Huffington Post“ in die Schuhe schieben, sondern allein den Nutzern von Facebook und Twitter.

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