MEDIA Lab : Absurder Infoporno

Marlis Prinzing sieht nach den Morden in San Bernardino die Medien versagen. Inszeniert wurde eine "Banalität des Bösen"

Marlis Prinzing
Medienleute durchsuchen das Haus von Syed Rizwan Farook und Tashfeen Malik.
Medienleute durchsuchen das Haus von Syed Rizwan Farook und Tashfeen Malik.Foto: Reuters

Der Massenmord im kalifornischen San Bernardino verweist auf mediale Fehlleistungen. Dazu zählt das Phänomen der „Propaganda der Tat“, also Verbrechern oder Terroristen in die Hände zu arbeiten, indem man durch die Art der Berichte das verbreitet, was diese beabsichtigen: Angst und Schrecken. Die Morde von San Bernardino zeigen zudem ein bizarres Rangeln um die Deutung, eine Art „Instrumentalisierung der Tat“, die auch Medien betreiben. Die „New York Times“ startete parallel zur erneuerten Forderung von Präsident Obama nach schärferen Waffengesetzen eine Medienkampagne. Andere Medien bringen sich in Gegenposition, indem sie beispielsweise den Weihnachtsgruß einer Politikerin aus Nevada veröffentlichen, wo diese und ihre Familie mit Waffen posieren und für lockerere Bestimmungen plädieren. Und wiederum andere befeuern die Angst vor Anschlägen, deuten globale Terrorismusbekämpfung in Krieg um und schreiben den Militäreinsatz in Syrien geradezu schön. Dabei haben der norwegische Friedens- und Konfliktforscher Johan Galtung und andere längst gezeigt, wie wichtig deeskalierende Berichterstattung in Krisenzeiten ist.

Vollends bizarr wirken Bilder aus der Wohnung der Täter. Der Vermieter öffnete die Tür, MSNBC und andere Sendern kamen in Heerscharen. Wir sehen deshalb, dass das Kind der toten Massenmörder ein rosafarbenes Jäckchen hatte und in einem weißen Gitterbettchen schlief. Wir erfahren, an einer Wand hänge ein Gebetsteppich, auch Gebetsketten habe man gesehen. Hier wird eine „Banalität des Bösen“ inszeniert als absurder Infoporno, bei dem nur Draufhalten zählt. Der Zuschauer wird Voyeur und Zeuge, er soll sich selber ein Bild machen, der Journalist lehnt sich zurück. Eine Bankrotterklärung. Denn es bleibt Auftrag von Journalismus, bewusst zu entscheiden, was öffentlich relevant ist und was nicht, Kontexte herzustellen, zu relativieren, einzuordnen. Ein religiöses Symbol in der Wohnung macht die Religion nicht zwangsläufig zum Motiv für ein Verbrechen. Solche Zuschreibungen erzeugen Kausalzusammenhänge, die nicht belegt, aber brandgefährlich sind.

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