MEDIA Lab : Alles social, alles prima?

Marlis Prinzing wünscht den Zeitungsredaktionen neue Routinen. Routinen, in denen die Social-Media-Kompetenz ganz vorne liegt

Marlis Prinzing
Facebook verbindet - auch Journalisten und Leser
Facebook verbindet - auch Journalisten und LeserFoto: dpa

Artikel-Klickzahlen, Nutzerkommentare, Social-Media-Aktivitäten – noch nie wussten Redaktionen so gut Bescheid über die Art, wie ihr Publikum Nachrichten auswählt. Journalisten können dadurch besser auf Publikumsvorlieben eingehen und die Menschen stärker am Diskurs über relevante Themen beteiligen. Können oder könnten?

Journalismusforscher Christoph Neuberger hat 105 Internetredaktionsleiter in Deutschland befragt. Zunächst das Positive: Durch soziale Medien (Facebook, Twitter, Google+, Blogs, YouTube) ist der Journalismus besser geworden, erklärten die meisten Redaktionsleiter. Zwar gebe es weniger Informationen exklusiv, und manches würde oberflächlicher abgehandelt. Aber man sei aktueller, die Vielfalt der Meinungen und der Themen gestiegen, Expertenkontakte ließen sich besser pflegen. Es werde intensiver diskutiert, das Publikum komme leichter in Kontakt zu den Autoren.

Hier das erste Aber: Fast jede Redaktion hat zwar jemanden, der für soziale Medien zuständig ist oder sich zumindest darum kümmert, aber, so klagten die Redaktionsleiter, die meisten anderen Kollegen hätten zu wenig Ahnung, es gebe Berührungsängste. Nur wenige wollen das Publikum an ihren Recherchen teilhaben oder hinter die Kulissen blicken lassen, sie haben Mühe, die Nutzer als Mitschreibende zu akzeptieren.

Das zweite Aber: Das wird und kann sich kaum ändern, wenn Personal- und Zeitdruck in den Redaktionen ständig steigen. Dann schwindet die Kraft, sich neuen Wegen zu öffnen. Bislang erwerben offenbar die meisten Journalisten ihre Social-Media-Kompetenz im „learning by doing“-Verfahren. Wollen die Medienhäuser die Chancen der Beziehung zu einem aktiven Publikum systematisch nutzen, müssen sie in Köpfe investieren, ihre Journalisten gezielt weiterbilden und ihnen Zeit geben, neue Routinen zu entwickeln.

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