MEDIA Lab : Arabische Medienwelten

Der Einfluss arabischer Medien wie insbesondere Al Dschasira ist größer als mancher denkt. Er wirkt sich sogar auf die Flüchtlingsströme aus.

Stephan Russ-Mohl
In Amerika auf dem Rückzug, aber dennoch eine Stimme mit Gewicht: der panarabische Sender Al Dschasira.
In Amerika auf dem Rückzug, aber dennoch eine Stimme mit Gewicht: der panarabische Sender Al Dschasira.Foto: AFP

Dass der panarabische Fernsehsender Al Dschasira sein englischsprachiges Programm eindampft, hat der ein oder andere von uns vermutlich mitgekriegt. Aber sonst wissen wir Europäer über die Medienwelt in den arabischen Nachbarländern so gut wie gar nichts. Dabei betrifft es indirekt uns alle, was und wie diese Medien über die Welt berichten, weil zum Beispiel Flüchtlingsströme nicht zuletzt durch Medienberichterstattung und -bilderwelten ausgelöst werden, die Krieg, Elend und ausgebombte Städte in Syrien mit den vermeintlichen Paradiesen Europas kontrastieren.

Wer mehr wissen und vor allem ein Gespür dafür entwickeln möchte, wie unterschiedlich die Medienwelten in Arabien aussehen, kann sich jetzt dank Carola Richter (FU Berlin) und Asiem El Difraoui (Institut für Medien und Kommunikationspolitik, Berlin) einen Überblick verschaffen. In dem von ihnen herausgegebenen Buch zeigen insgesamt 22 Experten, wie sich die Medien entwickelt haben – zunächst in Überblicksbeiträgen, dann in länderspezifischen Einzelstudien, die aber einem gemeinsamen Gliederungsschema folgen und somit Vergleiche ermöglichen.

Die wichtigste Nachrichtenquelle im arabischen Raum, so Richter und Difraoui, ist bis heute das Satellitenfernsehen, das sich in zwei Schüben entwickelte. Erst wurden aus westlichen Ländern Unterhaltungsformate übernommen und später mit Soaps aus Lateinamerika und Bollywood angereichert, dann hat von 2005 an Al Dschasira den politischen Journalismus aufgemischt und im Rückblick wohl auch Herrschaftsstrukturen unterminiert – ein Faktor, der zum viel zu kurzen arabischen Frühling beitrug. Von ihm sind Spuren in Tunesien übrig geblieben; das Land demokratisiert sich zaghaft, ein neues Mediengesetz, an dem zurzeit gearbeitet wird, soll Pressefreiheit absichern. In Libyen lösen sich derweil staatliche Strukturen weiter auf, und es versinkt auch medial im Chaos. Den Gegenpol dazu bilden, wie Almut Woller (FU Berlin) im Buch aufzeigt, Media Cities in Dubai, in Qatar und in anderen Ölstaaten: Moderne, der arabischen Welt aufgepfropfte Medienmetropolen und Freihandelszonen, die alles versammeln, was in der westlichen Kommunikationsindustrie Rang und Namen hat.

Carola Richter/ Asiem El Difraoui (Hg.) (2015); Arabische Medien, Konstanz/München: UVK