MEDIA Lab : Das Publikum vergisst rasch

Wer in der Öffentlichkeit steht, muss öffentlich zu seinen Fehlern stehen; ein Fehler bedeutet aber nicht ewige Verdammnis.

Marlis Prinzing

„Denunzierung!“, schimpfte Alice Schwarzer, „eine Schande für den Journalismus!“, empörte sich ein ADAC-Funktionär – beide just, als Medien Fehlverhalten aufgedeckt hatten. Ist Angriff die beste Verteidigung? Wer öffentlich attackiert wird, folgt am besten Befunden aus der Medienforschung. Barbara Pfetsch, Kommunikationsprofessorin an der FU Berlin, zeigte: Ist ein Thema in der Welt, lässt es sich schwer „dethematisieren“, unerwünschte Themen lassen sich kaum stoppen. Ihr Kollege Wolfgang Donsbach fand heraus, dass Journalisten im Fall einer Krise mehr nachbohren und sich weniger auf Selbstdarstellungen verlassen. Das heißt: Wenn der „Spiegel“ öffentlich macht, dass die Gerechtigkeitskämpferin und Journalistin Schwarzer in der Schweiz ein schwarzes Konto unterhielt, lässt sich das so wenig „wegschimpfen“ wie die Enthüllung der „Süddeutschen Zeitung“, dass der ADAC-Kommunikationschef beim Autopreis „Gelber Engel“ Zahlen geschönt hat. In der Krise nutzen nur Einsicht und Entschuldigung. Je früher, desto schadloser bleibt der Betroffene. Denken wir an die Exvorsitzende der deutschen Evangelischen Kirche, Margot Kässmann. Die mediale Skandalisierung ihres öffentlich gewordenen Fehlers, der „Alkoholfahrt“, bewirkte eine Selbstreinigung.

Doch die Grenzen fließen, warnt der Mainzer Forscher Hans Mathias Kepplinger, oft reagiere das Publikum mit Misstrauen und Resignation: Die hinterziehen ja alle Steuern, die lügen alle. Wer in der Öffentlichkeit steht, muss öffentlich zu seinen Fehlern stehen; ein Fehler bedeutet aber nicht ewige Verdammnis. Von Übel hingegen ist, andere für eigene Fehler verantwortlich zu machen, wie das Schwarzer und der ADAC versuchten. Sie sind Öffentlichkeitsprofis, ihr Goldstandard ist die Glaubwürdigkeit. Erneut tröstet der Blick in die Forschung: Das Publikum vergisst rasch, aber zugleich sinkt seine Empörung erst bei spürbarer Hoffnung auf Neuausrichtung. Der ADAC entlässt die Drahtzieher seiner Krise. Alice Schwarzers Zeit dürfte um sein.

Marlis Prinzing ist Professorin für Journalistik an der Macromedia-Hochschule für Medien und Kommunikation in Köln.

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