MEDIA Lab : Ein Lob auf die Straßenzeitung

Kontakte zwischen Menschen, deren Profile gerade nicht zueinander passen: Unser Kolumnist freut sich über gelungene soziale Integration.

Klaus Beck

Wozu brauchen Flüchtlinge Smartphones? Der Sozialneid machte in den vergangenen Wochen auch vor dieser Frage nicht halt. Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass mobile Medien und Netzzugänge kein Luxus im Flüchtlingsalltag sind, sondern die einzig verbliebene Nabelschnur zu Familie und Heimat. Garanten für Teilhabe im neuen Lebensumfeld sind sie nicht. Können Medien überhaupt solche Wirkungen entfalten? Theoretisch ja: Partizipation und Integration durch digitale Medien lautet die Zauberformel der Demokratietheorie. Sieht man genauer hin, geht es oft nur darum, die Chancen Hochgebildeter noch ein wenig zu optimieren.

Man bleibt fein säuberlich unter sich, in der eigenen Filter Bubble. Der Algorithmus des Netzwerks echter und falscher Freunde ersetzt nur vermeintlich die zufällige Begegnung. Die „Liquid Democracy“ findet nur im eigenen Whirlpool statt. Und doch: Medien können zu Teilhabe und Integration beitragen. Bertram Scheufele und Carla Schieb haben gezeigt, wie nützlich Printmedien für soziale Integration sein können. In einer der seltenen Studien zu diesem Thema fanden sie heraus, dass Straßenzeitungen Wohnungslosen nicht nur eine Chance bieten, auf eigene Probleme aufmerksam zu machen. Sie tragen zur Wiedergewinnung von Selbstbewusstsein und Teamfähigkeit bei. Und, nicht zu vergessen, Straßenzeitungen schaffen Jobs für Menschen, die auf dem ersten und dem zweiten Arbeitsmarkt nicht gefragt sind: Ökonomisches, lebensweltliches und persönliches „Empowerment“ wirken in Straßenzeitungs-Projekten zusammen.

Wohnungslose Menschen erreichen damit viel eher Menschen, die selbst nicht obdachlos sind, aber niemals im Netz oder gar auf Facebook mit ihnen in Kontakt kämen. „Strassenfeger“, „Motz“ & Co. dienen seit rund zwanzig Jahren nicht nur, wie das Gros der Onlineforen, der Selbstverständigung nach innen. Sie können helfen, Kontakte zwischen Menschen herzustellen, deren Profile gerade nicht zueinander passen. Das erst macht eine Gesellschaft aus, die mehr als das Nebeneinander von Communities sein möchte.

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