MEDIA Lab: Journalistenausbildung : Weg mit den Mogelpackungen

Noch immer orientiert sich die Journalistenausbildung zu stark am alten Mediensystem, heißt es in der Forschung. Können BWL und Ingenieurswissenschaften Vorbild sein?

Stephan Russ-Mohl

Diese Standpauke hat es in sich: Bei einer Konferenz zur Zukunft der Journalistenausbildung in Toronto hat Robert Picard, Direktor des Reuters Institute for the Study of Journalism in Oxford, kein Blatt vor den Mund genommen. Es sei schwierig geworden, „in einer Umwelt, in der professioneller Journalismus einen Großteil seiner Funktionalität und seiner Relevanz für die Gesellschaft verliert“, künftige Journalisten auszubilden.

Der "Wissensfundus" fehlt

Natürlich könne niemand „die Zukunft lehren“, aber akademische Lehrer müssten „Studierenden helfen, diese Zukunft zu entdecken, zu interpretieren und sich in ihr zurechtzufinden“. Dies sei kein Ding der Unmöglichkeit, und es werde in Studienfächern wie der BWL, den Ingenieurswissenschaften oder in der Biomedizin tagtäglich geleistet. Fokussiert werde darauf, wie sich Erkenntnisse gewinnen und sich verändernde Technologien und Praktiken innovativ nutzen lassen. Der dafür erforderliche „Wissensfundus“ fehle aber in der universitären Journalistenausbildung noch immer – trotz ihrer 150-jährigen Geschichte.

In der gegenwärtigen Krise laufe die Ausbildung durch zu enge Anbindung an die alte Medienindustrie Gefahr, das Falsche zu unterrichten. „Journalistenausbilder sollten sich nicht an Projekten beteiligen, in denen ihre Studierenden primär kommerziell ausgebeutet werden“ – die allzu enge Verzahnung von Theorie und herkömmlicher journalistischer Praxis verstelle womöglich den Blick auf die neue Wirklichkeit. Das ist in Deutschland, wo an den Unis in Leipzig und Hamburg gerade Journalistik-Professuren abgebaut wurden und ein Großteil der Ausbildung in konzerneigenen Journalistenschulen stattfindet, ein noch größeres Problem als in den USA und Kanada.

Programme für „unternehmerischen Journalismus“? Mogelpackungen?

Die modisch gewordenen Programme für „unternehmerischen Journalismus“, die auch in deutschen Fachkreisen diskutiert werden, sind Picard zufolge Mogelpackungen: Unternehmerische Erfahrung bringe kaum einer der Lehrenden mit. Oft werde den Studierenden nur beigebracht, wie man sich als freier Mitarbeiter über Wasser hält. Die Erfahrung lehrt, dass selbst talentierten Absolventen das noch nicht einmal gelingt. Stephan Russ-Mohl

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