MEDIA Lab : Keine Propaganda der Angst

Pressekodizes sowie das „Ethical-Journalism-Network" liefern eine Orientierung für eine informative, das Leid der Opfer respektierende und Terroristen nicht propagandistisch in die Hände arbeitende Medienberichterstattung.

Marlis Prinzing
Nach dem Anschlag: Polizisten auf der Promenade des Anglais in Nizza.
Nach dem Anschlag: Polizisten auf der Promenade des Anglais in Nizza.Foto: dpa

Das Massaker in Nizza belegt erneut, dass der globale Terror auch eine Art Open-Source-Projekt für allerlei Frustrierte und Ausgegrenzte wurde. Die Massenmörder von Orlando und Nizza waren offenbar keine von der Terrormiliz IS ausgesandten Terroristen, sondern psychisch labile, gewalttätige Personen, die IS-Parolen als Quelltext nutzen (das Auto als Waffe) und deren Gräueltaten durch das „Label IS“ in grausamer Weise „erhöht“ werden. Beide Massaker nahm die der Terrormiliz IS verbundene Propagandastelle Amaq unter Bezug auf eine geheime Quelle quasi unter „ihre Fittiche“ und instrumentalisierte sie so für ihre Propaganda der Angst.

Dies muss uns alle ermahnen, dem globalen Terror endlich differenzierter entgegenzutreten. „Wir-Rhetorik“ (Angriff auf unsere Art zu feiern) greift zu kurz, Kriegsrhetorik aus dem Munde von Politikern oder Journalisten schürt weitere Angst und schüttet Öl in die Brände, die Terroristen legen.

Eine Orientierung für eine informative, das Leid der Opfer respektierende und Terroristen nicht propagandistisch in die Hände arbeitende Medienberichterstattung liefern Pressekodizes sowie das „Ethical-Journalism-Network“. Diese internationale Plattform bündelt für Profis und Laien gut verständliche Handreichungen. Viele Onlinenachrichtenmedien machen mittlerweile transparent, welche Informationen gesichert sind. Auch der Umgang mit Livestream-Material erfolgt umsichtiger.

Wir müssen neben der Brandbekämpfung auch die Brandursachen im Blick haben. Es bedarf einer politischen Debatte und Expertise über Strategien gegen Terrorismus. Der Freiburger Neurowissenschaftler Joachim Bauer (Gazette 49 / März 2016) nennt zwei mögliche Wurzeln von Gewalt: erstens das Streben nach sozialer Akzeptanz, was auch Brutalität als Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Gruppe einschließt. Zweitens das Gefühl, ausgegrenzt zu sein – in Form von Herabsetzung, Armut oder Mangel.

Terrorvorbeugung verlange, neu über globale Gerechtigkeit nachzudenken, über Politiken westlicher Staaten, die andere Länder als Demütigung empfinden, aber auch über Bildungszugänge und Perspektiven.

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