MEDIA Lab : Lug und Trug beim VW-Skandal

Die Aufmerksamkeitsökonomie wird zur Desinformationsökonomie angesichts der zahlreichen Beiträge, die in den sozialen Netzwerken veröffentlicht werden.

Stephan Russ-Mohl
Journalisten und TV-Teams berichten über den VW-Skandal aus Wolfsburg.
Journalisten und TV-Teams berichten über den VW-Skandal aus Wolfsburg.Foto: dpa

Die Sorge, dass wir in einer Flut von Nachrichten und Werbebotschaften ertrinken könnten und dass wir „overnewsed and underinformed“ sind, ist möglicherweise bereits von gestern. Unser Problem von heute und morgen wird es sein, dafür zu sorgen, dass wir nicht in Niagara-Fällen von verflüssigtem Bullshit ersaufen. Alles Mögliche wird in sozialen Netzwerken wie wild „geshared“ und „geliked“ und damit aufgeplustert. Es ist einfach geworden, dort Dinge zu verbreiten, die niemand auf ihren Wahrheitsgehalt prüft.

Nicht nur Putins Propagandamaschinisten lassen da grüßen

Unter solchen Umständen „rechnet“ es sich für Spindoktoren und Trolls und deren Auftraggeber zunehmend, Unsinn zu verbreiten – nicht nur Putins Propagandamaschinisten lassen da grüßen. Die Aufmerksamkeitsökonomie wird auch zu einer Desinformationsökonomie. Selbst für Weltkonzerne nimmt offenbar die Wahrscheinlichkeit ab, bei Manipulation und Betrug ertappt zu werden, wie das allerdings vergangene Woche Volkswagen und eine Woche zuvor dem Ölmulti Exxon Mobile wiederfahren ist.

Vergleicht man die beiden Fälle, scheinen auch die Redaktionen hochangesehener Medien inzwischen Schwierigkeiten zu haben, angemessen einzuordnen, was da eigentlich passiert. Und dabei wird so getan, als wüssten all diejenigen, die überdimensionierte SUVs und Dieselfahrzeuge kaufen, nicht, dass sie damit die Umwelt verpesten. Beim Ölmulti Exxon, der seit den 70er Jahren ihm vorliegende Erkenntnisse zu den desaströsen Folgen seines Hauptprodukts im Blick auf Erderwärmung und Klimawandel verheimlicht haben soll, gab es bisher keinen wirklichen Aufschrei in der Öffentlichkeit und auch keine Folgen für den Kurswert.

Die britischen Sozialforscher Carl Miller und Steve Ginnis haben in der britischen Zeitung „The Guardian“ davor gewarnt, dass selbst die Forschung über soziale Medien der Daten nicht mehr Herr wird, die sie hervorbringt. Auch für Eingeweihte sei kaum noch erkennbar, welche Indikatoren zur Mediennutzung aussagekräftig sind und welche nicht. Wir leben im Sodom und Gomorrha von Fakes und Datenbetrug – und haben es nur noch nicht so richtig gemerkt.

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