MEDIA Lab : Mythos Filterblase?

Die Sorge vor Filterblasen und Echokammern ist zwar berechtigt, aber derzeit bei weitem nicht so groß wie oftmals dargestellt. Das zeigt nun auch die Medienwissenschaft.

Klaus Beck
Soziale Netzwerke spielen auch für die politische Kommunikation eine immer größere Rolle.
Soziale Netzwerke spielen auch für die politische Kommunikation eine immer größere Rolle.Foto: imago/Eibner

Was der Netz-Guru Nicholas Negroponte 1995 noch als „Daily Me“ feierte, ist in Verruf geraten: die ganz den persönlichen Vorlieben folgende Nachrichtenauswahl. Gewarnt wird nun vor der Filterblase oder gar der Echokammer, in denen Mediennutzer nur die Meinungen serviert bekommen, die sie selbst ohnehin vertreten. Die freie Meinungsbildung, die ja bekanntlich von der Auseinandersetzung mit Gegenargumenten lebt, wird bedroht. Neue Themen bleiben außen vor, die eigene Meinung wird immer mehr bestärkt. Polarisierung und Radikalisierung sind die Folgen.

Doch laufen wir wirklich mit selbst gewählten oder gar fremdbestimmten Scheuklappen durch die Nachrichtenwelt? Klar ist: Bei der Auswahl von Medien, Themen und Nachrichten haben wir uns immer schon an den eigenen Vorlieben orientiert. Wer liest schon freiwillig alle Blätter von der „National-Zeitung“ bis zum „Neuen Deutschland“? Bedenklicher ist es allerdings, wenn andere uns den Blick verstellen, so dass wir gar nicht mehr sehen können, was links und rechts passiert. Die Personalisierung von Suchergebnissen und Nachrichtenströmen in sozialen Netzwerken könnten tatsächlich zu einem Tunnelblick führen.

Personalisierung steht erst am Beginn

Derzeit scheint das aber noch nicht der Fall zu sein: Zum einen ist die Personalisierung selbst bei der Google-Suche noch nicht sehr weit fortgeschritten, fast 90 Prozent der Ergebnisse werden allen Nutzern offeriert. Und die sozialen Medien spielen bei der Weiterleitung von Politiknachrichten kaum eine Rolle: Nur jeder 300. Facebook-Post verweist auf politische Artikel. Noch immer werden über 75 Prozent der Online-News direkt auf den bevorzugten Websites und weitere 20 Prozent via Suchmaschine gefunden.

Die Nutzer verhalten sich online kaum anders als außerhalb des Webs. Sie stellen ihr Nachrichtenmenü zwar nach dem eigenen Geschmack zusammen, schielen aber gerne auf den Teller des Nachbarn. Filterblasen und Echokammern können künftig durchaus zur Gefahr werden. Eine hinreichende Erklärung für den Aufstieg des Populismus, das nächste Wahlergebnis oder die aktuellen Probleme der EU liefern sie aber nicht.

Zuiderveen Borgesius, F. j. et al. (2016): Should we worry about filter bubbles. Internet Policy Review, Vol. 5, online: https://policyreview.info/articles/analysis/should-we-worry-about-filter-bubbles
Flaxman, S./ Goel, S./ Rao, J.M. (2016): Filter Bubbles, Echo Chambers, and Online News Consumption. Public Opinion Quarterly, Vol. 80, Special Issue, S. 298-320.

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