MEDIA Lab : Offen für Varianten

Stimmt es wirklich, dass in der digitalen Nachrichtenwelt die Unparteilichkeit von Journalisten immer weniger zählt?

Marlis Prinzing

Vertrauen immer mehr Mediennutzer auf prominente Journalisten, die einfach ihre Sicht auf die Welt anbieten? Stimmt es wirklich, dass in der digitalen Nachrichtenwelt die Unparteilichkeit von Journalisten immer weniger zählt? Vertrauen immer mehr Mediennutzer auf prominente Journalisten, die einfach ihre Sicht auf die Welt anbieten?

Glenn Greenwald, ehemals Journalist beim „Guardian“ und durch die NSA-Spähaffäre nun Vertrauter von Edward Snowden, befeuerte eine Diskussion, ob Journalismus der Zukunft auch Aktivismus sein soll, und will dies mit seinem Projekt First Look Media und dem Magazin „Intercept“ zeigen. In den USA formieren sich zunehmend erfolgreich Nachrichtenplattformen rund um Starreporter („The Daily Dish“/Andrew Sullivan; „Vox Media“/Ezra Klein).

Das Reuters Institute der Universität Oxford befragte in seinem „Digital News Report 2014“ 18 000 Nutzer von Onlinenachrichten in zehn Ländern (acht europäischen, Japan, USA, Brasilien). Überall wollen mindestens zwei von drei Befragten mehr als nur eine Sicht auf ein Thema. Sie verlangen, dass Journalisten auch online verschiedene Blickwinkel anbieten, also klassische journalistische Normen wie Objektivität und Unparteilichkeit als Leitlinie ihrer Arbeit bewahren. Das Publikum der Onlinenachrichten vertraut solchen Journalisten weit mehr als jenen, die bewusst parteilich berichten, auch wenn sie dies transparent machen. Die meisten Befragten bilden sich lieber selber eine Meinung. Diese Einstellung ist in Großbritannien und Deutschland besonders ausgeprägt. Am anderen Ende der Skala ist Italien: Dort gefällt jedem dritten Befragten, wenn ein Journalist von seiner Warte aus berichtet und anderes ausklammert.

Im Digitalen wird in den untersuchten Ländern die Journalistenpersönlichkeit zwar bedeutsamer, aber institutionelle Medienmarken genießen weiterhin das größere Vertrauen. In Deutschland ist der Unterschied am größten. 64 Prozent vertrauen Nachrichten abhängig davon, welches Medienhaus sie verbreitet. Für 35 Prozent ist der Reporter Hauptquelle des Vertrauens. Die Studie belegt: Zukunftsgewandt heißt offen für Varianten und Spielarten. Die Zukunft gehört aber immer auch den traditionellen journalistischen Tugenden. Beides ist gut so.

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