Medien in Ungarn : Alles auf Anpassung

Pressefreiheit weiter unter Druck: Der Chefchefredakteur von origo.hu, Ungarns größter Online-Plattform, muss gehen.

Silviu Mihai
Nicht mit uns. Menschen demonstrieren in Budapest für freie Berichterstattung. Foto: AFP
Nicht mit uns. Menschen demonstrieren in Budapest für freie Berichterstattung. Foto: AFPFoto: AFP

Vor dem Hauptsitz der Magyar Telekom sammelten sich Demonstranten. „Freies Land, freie Medien“, steht auf den Transparenten, und: „Keine Zensur!“. Mehrere tausend Budapester waren gekommen, um gegen den erneuten Angriff auf die Pressefreiheit zu protestieren. Sie sind Studenten, Aktivisten aus den Reihen der Zivilgesellschaft, Intellektuelle, aber vor allem Journalisten. Sie trugen Europaflaggen und schrien ihre Wut heraus. Denn diesmal ging es nicht nur um einen weiteren Versuch der rechtspopulistischen Regierung von Viktor Orbán, ein für alle Mal die linksliberalen Kritiker zum Schweigen zu bringen. Das einst staatseigene Telefonunternehmen, heute eine Tochterfirma der Deutschen Telekom, beteiligt sich offensichtlich an der Einschränkung der freien Berichterstattung in Ungarn. „Einer der größten Internetanbieter im Land will keinen kritischen Online-Journalismus“, rief Aktivistin Réka Kinga Papp aus.

Zuvor hatte die Geschäftsführung des Nachrichtenportals origo.hu in einer knappen Pressemitteilung verkündet, dass sie sich mit sofortiger Wirkung vom Chefredakteur Gergö Sáling trenne. Origó gilt seit Jahren als das größte Online-Magazin in Ungarn, und eines der wenigen seriösen Medien mit unabhängiger und kritischer Berichterstattung. Genau wie die direkte Konkurrenz, index.hu, hat sich Origó durch exklusive Geschichten, interessante Hintergrundstücke und erfolgreiche Experimente mit Multimedia einen Namen gemacht.

Sáling galt unter seinen Mitarbeitern als erfahrener, professioneller Journalist, der eine Vision über die Zukunft der Online-Medien hatte und die gute Entwicklung seines Blattes weiter vorantreiben wollte. Umso größer war die Aufregung in der Redaktion, als die Nachricht eintraf, dass Sáling gehen muss. Origó-Journalisten sind überzeugt, dass Magyar Telekom, Eigentümerin des Magazins, Sáling entließ, weil sie ihre marktführende Position nicht riskieren wollte. Denn der Vorfall kam unmittelbar, nachdem das Portal aufgedeckt hatte, dass Viktor Orbáns Kanzleichef, János Lázár, in einen Spesenskandal verwickelt ist.

Der 39-jährige Politiker ist stellvertretender Vorsitzender der Regierungspartei Fidesz, er gehört zum engen Kreis des Ministerpräsidenten. Origós investigatives Stück zeigte, dass Lázár für seine Dienstreisen in mehrere europäische Metropolen Spesen in Höhe von mehr als einer halben Million Euro gemacht hatte. Als die Geschichte durch die Medien ging, kündigte Lázár an, dass er auf die Spesen verzichte, obwohl die Erstattung sein gutes Recht sei.

Unmittelbar danach soll Lázár beschlossen haben, „etwas gegen Origó zu unternehmen“, berichteten ungarische Medien. Origó-Redakteure bestätigten, dass die Kanzlei des Ministerpräsidenten auch in der Vergangenheit immer wieder versucht hatte, Druck auf die Geschäftsführung auszuüben, um unangenehme Berichterstattung zu verhindern. Chefredakteur Sáling soll jedoch die Andeutungen aus der Chefetage der Magyar Telekom weitgehend ignoriert haben. „Wir wussten, dass es mit dem oder dem Text ein Problem gab. Aber dann passierte weiter nichts“, sagte ein Redakteur.

Doch die Führung des größten ungarischen Telekommunikationskonzerns hatte mehr als einen Grund, sich ernste Sorgen zu machen. Immer wieder waren Werbebuchungen der öffentlichen Einrichtungen und staatseigenen Unternehmen an Origó vorbeigegangen. 2013 wurden die Frequenzen für Mobilfunkanbieter neu ausgeschrieben, die Zukunft von T-mobil, der lukrativen Handysparte des Konzerns, stand auf dem Spiel. Kerstin Günther, Aufsichtsratschefin der Magyar Telekom, führte in Absprache mit der deutschen Mutterfirma die Verhandlungen, und sie erzielte eine Verlängerung des Vertrags bis 2022. Ihr Gesprächspartner war niemand anderes als Lázár, der seitens der Regierung die Kommunikation mit den Telekommunikationsunternehmen verantwortet. Der Kanzleichef überreichte der Telekom einen Bericht, in dem auch die „linksliberale Neigung“ von Origó thematisiert war. Eine neue Eskalation zu riskieren, ging dem Unternehmen offensichtlich zu weit.

Einen Tag nach Sálings Entlassung betonte János Lázár in einer Presseerklärung die guten Beziehungen mit der Magyar Telekom und stellte weitere gemeinsame Projekte in Aussicht. Fast die Hälfte der Origó-Redakteure kündigte unmittelbar danach aus Solidarität mit ihrem Vorgesetzten, Geschäftsführer Miklós Vaszily verkündete eine weitreichende Umstrukturierung des Online-Portals. „Origó muss sich neu orientieren und die wechselnde Nachfrage berücksichtigen“, sagte er. „Die Wahlen und der politische Streit sind vorbei, jetzt haben andere Themen wie die Fußball-WM Priorität.“

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