Medienkrise : Zwischen Morgen und Grauen

Journalisten beschäftigen sich auf dem Jahreskongress von „Netzwerk Recherche“ mit der Medienkrise.

Simone Schellhammer

Immer wenn sich das „Netzwerk Recherche“ zu seiner Jahreskonferenz in Hamburg trifft, entsteht dabei so etwas wie eine Mischung aus Handwerksmesse und Kirchentag für Journalisten. In rund 130 Veranstaltungen wurden am Freitag und Samstag praktische Recherchetipps weitergegeben, über die Sündenfälle der Medien diskutiert und Glaubensbekenntnisse in Sachen Pressefreiheit entworfen. Angesichts der dramatischen ökonomischen Situation vieler Medien stand die Konferenz im Kongresszentrum des NDR unter dem Motto „Journalismus zwischen Morgen und Grauen“. Auch wenn es wie immer ein Panel zum Thema Krisen- und Auslandsberichterstattung gab, beschäftigte man sich verstärkt mit der eigenen Krise. Das heißt, es wurde – wie etwa beim Forum „Angst um Jobs und Inhalte“– der finstere Ist-Zustand beschrieben, aber auch über Zukunftsmodelle nachgedacht. Oder wie Heribert Prantl von der „Süddeutschen Zeitung“ in seiner Eröffnungsrede vor den rund 700 Teilnehmern sagte: „Wenn die Nacht zu Ende geht, hat man die Chance, aus dem Tag etwas Gescheites zu machen.“

So wurde als „eines der heißesten Businessmodelle“ die ehemalige Ost-West- Wochenzeitung „Der Freitag“ gehandelt. Im letzten Jahr übernahm der Verleger und Journalist Jakob Augstein das Blatt, zu dem ein umfangreiches Internetangebot gehört. Augstein selbst meinte zum Strukturwandel nüchtern: „Letztendlich heißt es: Mit weniger Leuten mehr machen und weniger Geld verdienen.“ In diesem Punkt war sich der Sohn des verstorbenen „Spiegel“-Herausgebers Rudolf Augstein mit dem Vorstandsvorsitzenden der Gruner + Jahr AG, Bernd Buchholz, wohl einig, dessen Verlag derzeit harte Einschnitte verkraften muss. Für seinen oft zitierten Ausspruch, dass in der Krise die Leute „auf dem Sonnendeck Drinks und Liegestühle zur Seite stellen“ müssten, entschuldigte sich Buchholz während der Diskussion. Er habe die Dramatik der Krise und den enormen Anzeigenrückgang eindeutig unterschätzt.

Auch die Verleihung der „Verschlossenen Auster“, eines Negativ-Preises für den Informationsblockierer des Jahres, stand ganz im Zeichen der Wirtschaftskrise. Er ging an den Bundesverband deutscher Banken (BdB). „Der Bankenverband und seine 220 Mitglieder waren in der Banken- und Finanzkrise nicht auf Seiten von Transparenz und Aufklärung. Sie weigern sich, ihre Fehler einzugestehen, Versäumnisse zu erklären und Verantwortung zu übernehmen“, heißt es in der Begründung der Jury. Die Laudatio auf den Preisträger hielt Professor Rudolf Hickel, der Direktor des Institutes Arbeit und Wirtschaft der Universität Bremen. Er sagte: „Nicht nur Informationsblockierung, sondern Fehlinformation, Halbwahrheiten, lobbyistische Rechtfertigungen kennzeichnen die Öffentlichkeitsarbeit des Verbandes.“ In seiner Stellungnahme zur Preisverleihung sagte der geschäftsführende Vorstand des Bankenverbandes, Manfred Weber, in Hamburg: „Ich kenne zu viele Fälle, in denen Banken unglücklich oder gar nicht kommuniziert haben.“ Die Arbeit seines Verbands sei jedoch „hochgradig transparent“. Der Kritik-Preis wurde in diesem Jahr zum achten Mal vom Netzwerk Recherche verliehen. Um die Skulptur zu erhalten, muss sie abgeholt oder mit einer schriftlichen Gegenrede verdient werden – was vor Manfred Weber bislang nur Otto Schily und Hartmut Mehdorn auf sich nahmen.

Neben dem Versagen der Banken war aber auch das Versagen des Wirtschaftsjournalismus ein Thema der Konferenz. Unter der Überschrift „Nachher wussten es alle besser“ diskutierten unter anderem Götz Hamann von der „Zeit“ und Henrik Müller vom „Manager Magazin“ über die Frage, was man wann vom Platzen der Immobilienblase in den USA habe wissen können. Auch das Forum „Alle in einem Boot?“ widmete sich der Frage, ob Wirtschaftsjournalisten den Akteuren, über die sie berichten, oft viel zu nahe stehen.

Um die Beziehung zwischen Politikern und öffentlich-rechtlichem Rundfunk ging es in einer Podiumsdiskussion mit ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender, um dessen Vertragsverlängerung ein heftiger Streit entbrannt ist, nachdem der hessische Ministerpräsident Roland Koch im März in der Presse seine Ablösung gefordert hatte. Brender, der seit zehn Jahren das ZDF inhaltlich leitet und die berühmten Freundeskreise der Parteien meidet, verhielt sich stoisch und meinte: „Ich habe mich schon gewundert, dass das so lange gehalten hat.“ Zum Gebaren von Politikern in Wahlkampfzeiten sagte er: „Die einen wollen die ganze Macht, die anderen zumindest daran beteiligt bleiben, also versucht man, dort Einfluss zu nehmen, wo man ihn hat.“ Nämlich in den Rundfunkgremien, die durch sogenannte gesellschaftlich relevanten Gruppen, unter anderem Parteien, besetzt werden. Brender schlug eine Befangenheitszeit für Gremienpolitiker im Vorlauf von Wahlen vor. „Die Frage ist nur, wie lange die dauern würde, bei den vielen Wahlen.“

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