Mediennutzung : Der Kult um die Kassette

Totgesagte spulen länger: Die Detektivserie „Die drei ???“ hält den analogen Tonträger am Leben.

Johanna Uchtmann
Die älteren Fans der Hörspielreihe „Die drei ???“ wollen auf ihre Kassetten nicht verzichten. Der Europa-Verlag hat sich darauf eingestellt. Foto: dapd
Die älteren Fans der Hörspielreihe „Die drei ???“ wollen auf ihre Kassetten nicht verzichten. Der Europa-Verlag hat sich darauf...Foto: dapd

Eine Kassette hat Kanten. Der Tonträger klackt laut und will ständig umgedreht werden – trotzdem kann die digitale Welt manchmal nicht mit ihr mithalten. Mit Kassetten ist es wie mit alten Autos: Wer ihnen treu bleibt, gilt als verklärter Romantiker. Die Kassette ist ein Auslaufmodell. Die meisten Menschen verweigern sich ihr heute schon konsequent. „Es ist wirklich rapide“, sagt Sprecher Andreas Leisdon vom Bundesverband Musikindustrie, wenn er die Absatzzahlen auspackt: etwas mehr als zwei Millionen Musikkassetten – kurz MC – gingen 2010 über deutsche Tresen. 2001 waren es noch über 30 Millionen.

Die Zahlen für 2011 liegen erst Mitte April vor, aber laut Musikindustrie hielt der Abwärtstrend der Musikkassetten auch im vergangenen Jahr an.

„Das digitale Geschäft ist enorm gewachsen“, sagt Leisdon. Ungefähr bis 1990 sei die Kassette mit der wichtigste Tonträger gewesen. „Ab dann ging es konstant abwärts.“ Nur noch 0,7 Prozent Umsatzanteil am Tonträgermarkt 2010 sprechen für sich. Deshalb hat jetzt auch das Kassetten-Ur-Label Europa seine Neuproduktion von Kassetten eingestellt. „Neue Policy“, sagt Arndt Seelig dazu. Er ist Senior Marketing Manager Family Entertainment bei Europa und damit unter anderem noch zuständig für die letzten Kassetten. „Es lohnt einfach nicht mehr. Letztendlich sind wir ja Kaufleute.“ Aber es gibt auch die andere Seite: Menschen mit einem Herzen fürs Analoge greifen unvernünftig ins mittlerweile schmal gewordene Kassettenregal – vorausgesetzt, das Musikgeschäft hat noch eines. Vor allem die Fans der Detektivserie „Die drei ???“ lieben die Kassette. Deshalb macht Europa bei ihrem Kassettenstopp auch eine kleine Ausnahme: „Die drei ???“-MCs bespielt das Münchner Label, das zum Sony-Konzern gehört, weiter – auch wenn es die Hörspiele mittlerweile längst auch auf CD gibt. „Weil die Kassette für Drei-Fragezeichen-Fans schon Kultcharakter hat“, erklärt Seelig. Diese spezielle Zielgruppe ist meist in den 80er Jahren im Kindesalter eingestiegen und kommt bis heute vom kantigen Plastikmedium nicht los.

Ganz blind und verklärt ist Kassettentreue aber nicht. Ihrer digitalen Konkurrenz ist die MC in einigen Belangen sogar voraus, sagt Malte Köhne vom Internetforum Hörspielland.de. In deckenhohen Regalen reihen sich bei ihm zu Hause 6000 Kassetten in bunten Plastikpalisaden aneinander. Ein Pluspunkt der Kassette ist für ihn: „Wenn sie hinfällt, ist sie nicht kaputt. Und wenn doch, dann kann man sie reparieren.“ Für die Kassette spricht außerdem der Faktor Zeit. Satte 90 Minuten Hörgenuss passen darauf, es gibt sogar welche mit 120 Minuten; CDs bringen es oft nur auf 80. Außerdem hört die Kassette nach der Hälfte automatisch mit einem lauten Klack auf. Wer die Vorteile einer CD aufzählt, baut englische Begriffe ein. „Die CD ist viel einfacher im Handling“, erklärt Leisdon. Für ein ganz bestimmtes Lied muss man die Kassette mühsam spulen, abschätzen, stoppen, spulen, stoppen. Und irgendwann – die Finger sind schon wund – gibt der resignierte Spuler auf, akzeptiert, dass es das Schicksal des Kassettenfans ist, die erste Minute vom Lied zu verpassen. Bei der CD genügt ein kurzer Knopfdruck. Nicht spulen, sondern skippen, also überspringen, dann zurücklehnen und den Song entspannt hören – das Ganze gilt natürlich gleichermaßen für den MP3-Musiktrack. Denn auch für die CD sieht die Zukunft nicht rosig aus: In Schweden, dem Mutterland des gerade in Deutschland gestarteten Musik-Streamingdienstes Spotify, werden so gut wie gar keine CDs mehr verkauft.

Trotz der treuen Fans ist das Ende der Ära nicht aufzuhalten. „Ein paar Jahre werden wir die noch produzieren können, aber eben nicht für immer“, sagt Seelig. Ihr Untergang drehe sich in einer Art Abwärtsspirale: Weil die Nachfrage abnehme, gäben immer mehr Produktionsstätten für Magnetband und Kassettenrohlinge auf. Auch der Absatz von Kassettendecks für Hifi-Anlagen ist so rapide gesunken, dass die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) diese Zahlen gar nicht mehr erhebt. Aber schließlich lässt sich der Kaufmann Seelig doch noch zu einem Funken Wehmut hinreißen: „Die Welt befindet sich im Wandel. Auch wir blicken da natürlich mit einem weinenden Auge drauf.“ (dpa)

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