Medium auf dem Irrweg : Technik, die nicht begeistert

Pannen bei „Tagesschau“ und „Quizduell“: Das Fernsehen kämpft um seine Attraktivität. Da hilft es auch nicht, Sendungen mit einer App zu verbinden.

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Alle Wetter! Die „Tagesschau“ am Sonntag wurde ohne Wetterbericht gesendet. Nach den Gründen fahndet die ARD verbissen – aber ohne Erfolg. Foto: ARD / Montage: KWS
Alle Wetter! Die „Tagesschau“ am Sonntag wurde ohne Wetterbericht gesendet. Nach den Gründen fahndet die ARD verbissen – aber ohne...

Jetzt sind die Verschwörungstheoretiker gebeten. Die ARD selbst konnte am Montag keine Erklärung liefern, warum in der „Tagesschau“ um 20 Uhr am Sonntag der Wetterbericht ausfiel. Kai Gniffke, Erster Chefredakteur von ARD-aktuell, sagte am Dienstag: „ Jan Hofer kündigte das Wetter an, und dann sollte der animierte Wetterfilm der Kollegen der Wetterredaktion vom HR aus Frankfurt abfahren – wie es seit Jahren tagein, tagaus üblich ist.“ Dafür, dass das am Sonntag nicht passiert sei, habe man bislang trotz intensiver Analyse der Logfiles – das heißt der Protokolle der verschiedenen Softwaresysteme – noch keine zufriedenstellende Begründung gefunden. „Mit dem neuen Studio hat das nichts zu tun, denn an der Videobearbeitung von ARD-aktuell hat sich nichts geändert“, sagte Gniffke. Der Chefredakteur war zuversichtlich, dass die „Tagesschau“ am Montag wieder einen Wetterbericht senden werde.

Und dennoch zeigt die erneute Panne, wie das Fernsehen unter Druck gerät. Zwar ist es unverändert das Alltagsmedium Nummer eins, und doch beginnen Zuspruch und Attraktivität zu bröckeln. Die Sender reagieren. Vorsprung durch Technik scheint die Zauberformel zu sein. Zuerst sollen die jungen Zuschauer begeistert werden, die sich mehr und mehr davon verabschieden, Programme und Sendungen linear zu verfolgen – also die „Tagesschau“ im Ersten um 20 Uhr auch um 20 Uhr einzuschalten oder „Gute Zeiten Schlechte Zeiten“ bei RTL um 19 Uhr 40. Der „Second Screen“ beginnt den „First Screen“ abzulösen, die Unabhängigkeit der Nutzer bei Ort und Zeit greift um sich. Die Sender befördern den Trend, weil sie davon profitieren. Streaming-Dienste wie die Mediatheken der Sender, egal ob kostenpflichtig oder nicht, wachsen bei den Zugriffszahlen. Der Schweiger-„Tatort: Kopfgeld“ hat sieben Tage nach der TV-Premiere 1,7 Millionen Zuschauer zusätzlich geholt.

Zugleich steckt in den Online-Anstrengungen die Furcht, dass das Fernsehen nicht mehr als Medium auf der Höhe der technischen Möglichkeiten erscheint – dass es alt, ja gestrig wirkt. Zu den ersten Reaktionen und Maßnahmen hat gehört, dass an Wahlabenden die Moderatoren „interaktiv“ werden. Wieder und wieder wischen Hände über groß gewordene Tablets, zaubern Tabellen und Grafiken auf die Bildschirme; die Kameras übertragen das, was auf den Bildschirmen im Studio geschieht, getreulich auf die Bildschirme zu Hause. Albern wird, wenn zusätzlich das auf die Studiomonitore kommt, was bei Facebook und bei Twitter zum Thema gepostet wird. Noch alberner, wenn der Moderator die Posts und Tweets brav abliest. Da wird das Fernsehen hilflos, hintendrein bei dem Versuch, Online-Medien in Fernsehen zu verwandeln.

Aktuell stehen die Apps auf der Favoritenliste ganz oben, beim „Quizduell“ (ARD), beim Film „App“ (ZDF), bei der Castingshow „Keep Your Light Shining“ (ProSieben). Die Zuschauer sind via Smartphone oder Tablet zur Teilnahme herausgefordert. Von den technischen Tücken beim „Quizduell“ mal abgesehen – die Einschaltquoten sind ernüchternd. Die Sender müssten erkennen, dass das Fernsehen durch die fortschreitende „Onlinenisierung“ von Formaten nur wenig gewinnt. Aus der Studio-, aus der Filmsituation herauszutreten, minimiert die Qualität, die Aura dieser Situationen. Es ist eine ganz andere bis gar keine Spannung, sobald das Quizpublikum irgendwo im Nirgendwo agiert, nie schien der Moderator einsamer, nie war weniger Bindung zu sehen, zu hören, zu fühlen. Die Auflösung von Ort, Zeit und Handlung geht einher mit der Ablösung des Momentes, den nur Fernsehen herstellen kann.

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