Mehr als nur ein Radio : Wellen der Freiheit

50 Jahre alt wäre der DDR-Jugendsender DT64 in diesem Jahr geworden. Radio-Eins-Moderatorin Marion Brasch erinnert sich.

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Eine Spielwiese, größer als das Land, war Radio DT64 für Marion Brasch. Foto: Tim Trzoska
Eine Spielwiese, größer als das Land, war Radio DT64 für Marion Brasch. Foto: Tim Trzoska

Marion Brasch war einen Kopf kleiner als die fünf Männer im Fahrstuhl. Sie fuhr mit ihnen in die oberste Etage eines Hamburger Hotels. Lou Reed wartete dort auf die deutschen Journalisten, um sein neues Album „Magic and Loss“ vorzustellen. Die Männer tauschten sich darüber aus, welche Fragen sie dem New Yorker Sänger stellen würden und wer von ihnen den Anfang machen sollte. Keiner beachtete die neue Kollegin, die einzige Frau in dem Treffen, die auch noch aus dem Osten kam. Nach dem Gespräch aber schrieb Lou Reed ihr eine Widmung in ein Buch: „Marion. My best.“ Das war 1992, das Jahr, in dem der Radiosender DT64 in seinen letzten Zügen lag.

„Tach.“ Marion Brasch steht am Mikrofon und begrüßt ihre Hörer. Zehn Uhr, es beginnt die Sendung, die sie bei Radio eins moderiert. Alle 14 Tage, immer drei Stunden lang, Musik und Zeitgeschehen. Ihre Stimme ist warm und weich, wie ein Kopfkissen nach dem Mittagschlaf. Der Senderaum trennt die Moderatorin von den Redakteuren, die Stille vom Lärm, hier fühlt man sich fast wie in einem Versteck, unscheinbar und unsichtbar. Marion Brasch trägt Jeans, hellblaue Chucks und ein kariertes Hemd, die Haare sind hochgesteckt. Sie setzt die Kopfhörer auf und kündigt den nächsten Song an.

Es war die Musik, die sie zum Radio brachte. Mitte der achtziger Jahre sang sie in einer Folkband, die „Hausmusik“ hieß und durch die Studentenclubs der DDR tingelte. Auf einem Festival in Suhl bat sie ein Moderator des Jugendsenders DT64 zum Interview. Danach gab man ihr den Tipp „Wenn du einen Job suchst, dann bewirb dich mal bei DT64. Die erweitern gerade ihr Programm.“ 1987, mit 26, fing sie als Musikredakteurin in dem Jugendsender an. „Wir haben buchstäblich Koffer getragen“, erzählt sie. „Auf Karteikarten haben wir die Musik ausgesucht, sind ins Archiv gelaufen und haben die Bänder zum Sender gebracht.“ Offiziell durfte der Anteil der gesendeten Westmusik 40 Prozent nicht überschreiten. Aber in ihrem neuen Job fühlte sich Marion Brasch wie auf einer Spielwiese, die größer war als das Land, in dem sie lebte.

DT64 ist die Abkürzung für das Deutschlandtreffen von 1964. Der Sender wäre in diesem Jahr 50 Jahre alt geworden. Das Programm wurde auf Anregung von Radio DDR als Sonderstudio für die Jugend eingerichtet, sendete 99 Stunden lang und spielte westliche Beatmusik. Wegen des großen Anklangs blieb DT64 später als Jugendprogramm erhalten. In einem dicken Ordner hat Marion Brasch die Beiträge abgeheftet, die sie geschrieben hat. Auf Schreibmaschine und nach Datum sortiert. Der erste Beitrag, den sie selbst verfasst hat, war über Grace Slick, Sängerin der amerikanischen Band Jefferson Airplane. Er ist vom 30. Oktober 1987, das ist auch der Tag, an dem sie das erste Mal auf Sendung war. Sie blättert: Rockoper in Ungarn, Czeslaw Niemen, Pankow, Kati Kovàcs, aber auch Suzanne Vega und Ludwig Hirsch.

„Als Musikredakteur konntest du deine Lieblingsmusik unterbringen und den Leuten damit deinen Geschmack aufzwingen“, meint sie. „Ob sie die Musik gemocht haben oder nicht – du hast damit Gefühle freigesetzt, das war schon was Besonderes.“ Wir sitzen in ihrer Wohnung im Prenzlauer Berg. Wenn man aus dem Fenster schaut, blickt man auf unsanierte Altbaufassaden. Bröckelnder Putz legt Schicht für Schicht die Spuren der Vergangenheit frei. Es ist ganz ruhig, kein Radio, keine CD. Hier gibt es nicht mal Handyempfang. Die Stille ist die heimliche Freundin von Marion Brasch, sie wartet auf sie, wenn sie nach einer Sendung nach Hause kommt. Marion Brasch ist gern allein, sie mag keinen Smalltalk. Fragend schaut sie aus ihren braunen Augen: „Was soll ich sagen?“. Vor zwei Jahren hat sie ein Buch geschrieben, den Roman ihrer „fabelhaften Familie“. Darin erzählt sie über ihr Leben. Und über ihre Brüder, den Schauspieler Klaus, und die beiden Schriftsteller Thomas und Peter, die sie viel zu früh verloren hat. Sie war viel unterwegs mit dem Buch, jetzt wird es ins Finnische übersetzt.

Am 9. November 1989 kam sie von einer Geburtstagsparty nach Hause. Sie wunderte sich, dass die Wisbyer, die zur Bornholmer Straße und damit zum Grenzübergang führte, voller Menschen war. Sie glaubte, es wäre wieder eine Demonstration. Im Fernsehen schaute sie auf die Bilder, die sie vorher auf der Straße gesehen hatte. Erst eine Woche später fuhr sie in den Westen der Stadt und holte sich ihr Begrüßungsgeld ab. Sie lief direkt in die Bergmannstraße. Dort gab es angeblich die besten Plattenläden. Sie kaufte sich die neue CD von Elvis Costello. Feierlich legte sie die CD in ihren Player ein, aber es war nichts zu hören, sie funktionierte nicht. Kaputt. Marion Brasch fuhr noch einmal in den Laden. „Aber die haben sie mir nicht umgetauscht“, sagt sie. „Die haben einfach gesagt, das könne nicht sein, das sei meine Schuld. Und da dachte ich: Na herzlich willkommen im Westen.“

In jeder ostdeutschen Biografie steckt die Geschichte der Wende. Marion Brasch erinnert sich deutlich an diese Zeit. Daran, dass sie nicht auf die Uhr guckte. Dass es keinen Dienstschluss gab. Dass die Sendungen das Leben wurden und die Kollegen eine Familie. Abends saßen sie gemeinsam an der Spree und tranken Wein. Sie nannten die Spree damals Wolga. Die Wolga ist 3500 Kilometer lang. Und so muss ihnen die neue Welt wohl vorgekommen sein: wie ein unendlich großer und weiter Fluss. DT64 sendete „Deutschland im Stau“, ein neues Satireformat. Marion Brasch moderierte „Beatradio D“, eine Art deutsch-deutsche Hitparade. Gesellschaftliche Veränderungen wurden zu persönlichen Interessen. „Wir waren auf Augenhöhe mit den Leuten“, erklärt sie. „Die Journalisten steckten selbst mit drin in den Prozessen, waren Teil des Umbruchs, das war einzigartig.“ Einmal kam Helmut Lehnert, der bei der Rockwelle Radio 4U arbeitete und später Radio Fritz und Radio eins erfand. Sie fragte ihn: „Wie ist das eigentlich, wenn du vor’s Mikrofon gehst und eine Sendung moderierst?“ Er antwortete: „Also ich stelle mir immer vor, ich sitze bei jemandem am Küchentisch und unterhalte mich.“ In diesem Moment habe sie plötzlich verstanden, dass sie nicht die Rolle einer Moderatorin spielen, sondern einfach nur Marion Brasch sein muss.

1992 wurde DT64 aus der UKW-Frequenz entfernt, trotz massiver Proteste von Hörern und Machern. Marion Brasch schrieb einen offenen Brief an die Bundesregierung. „Ich wende mich an Sie als private Stimme eines Senders, der in Bonn nicht zu empfangen ist ... Ich frage Sie: Was gibt es einzuwenden gegen einen Sender, der allen Kriterien des Pluralismus und der Staatsferne entspricht?“ Sie forderte, dass der einzige Jugendkanal Deutschlands bundesweit ausgestrahlt werde. Der Antrag schaffte es sogar bis in den Bundestag, aber es nützte nichts. Sie und die anderen Kollegen hatten den Sender aufgeblasen wie einen Freiballon. Nun hatten andere einfach die Luft abgelassen. Marion Brasch ist nicht mehr traurig, aber wenn sie davon erzählt, spürt man immer noch die Enttäuschung. Darüber, dass aus einer Chance eine Niederlage wurde, aus einer Hoffnung ein Verlust.

Seit 17 Jahren arbeitet sie nun schon für Radio Eins. Wer den Sender kennt, kennt auch sie. „Ich fühle mich wohl hier“, sagt sie. „Ich bin gern eine Radio-Eins-Tante.“ Der Chef vom Dienst kündigt ihr für den nächsten Tag ein Gespräch mit einer irischen Sängerin an, die in Berlin lebt. Wallis Bird. „Die hatte ich schon mal“, sagt Marion Brasch. „Du hattest sie schon alle“, entgegnet der Chef. Lou Reed, Willy DeVille, Razorlight, Elbow, Billy Bragg ... „Ohne Musik geht es nicht“, sagt Marion Brasch. „Musik ist schön, man kann darin baden und seine Wunden lecken.“ Vor allem aber hat sie durch die Musik immer das Gefühl gehabt, frei zu sein. Im Kopf. Im Osten. Im Westen.

Marion Brasch organisiert das DT-Festival vom 8. bis 10. Mai mit. Mehr Infos unter www.dt64-festival.de

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