„Menschen bei Maischberger“ : Salafisten unter uns

Propaganda? Aufklärung? Eine Talk-Runde bei „Menschen bei Maischberger“ sorgt für Kontroversen und wirft die Frage auf, ob es Themen gibt, an die sich eine Talkshow besser nicht heranwagen sollte.

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Prediger. Hassan Dabbagh (li.) forderte in einer teils chaotisch wirkenden Sendung, dass die „Hetze“ gegen die Salafisten in Deutschland ein Ende haben müsste.
Prediger. Hassan Dabbagh (li.) forderte in einer teils chaotisch wirkenden Sendung, dass die „Hetze“ gegen die Salafisten in...Foto: WDR/Max Kohr

Sandra Maischberger würde die Sendung genauso noch einmal machen. „Dass dieser Meinungsaustausch mitunter leidenschaftlich geführt wird, liegt hier in der Natur der Sache, da es sich beim Salafimus um eine radikale Strömung handelt, die bewusst provoziert.“ Über Fragen der Integration und des friedlichen Zusammenlebens der Weltreligionen habe sich der Talk darüber hinaus in vielen anderen Sendungen beschäftigt und werde das auch in Zukunft tun.

Gibt es Themen, an die sich eine Talkshow besser nicht heranwagen sollte? Diese Frage stellt sich im Nachgang der jüngsten Ausgabe von „Menschen bei Maischberger“ vom Dienstagabend. Thema der Sendung: „Die Salafisten kommen: Gehört dieser Islam zu Deutschland?“. Einer der Gäste war der radikale Prediger Hassan Dabbagh, gebürtiger Syrer mit deutscher Staatsangehörigkeit. Dabbagh leitet den Leipziger Verein „Islamische Gemeinde in Sachsen – Al-Rahman-Moschee“, der vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Weitere Studiogäste: die türkischstämmige Schauspielerin Renan Demirkan, der jüdische Journalist Michel Friedman, die muslimische Moderatorin Kristiane Backer, der katholische Journalist Matthias Matussek und CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach. Der Salafist forderte in einer teils chaotisch wirkenden Sendung, dass die „Hetze“ gegen die Salafisten in Deutschland ein Ende haben müsste. Fragen nach seiner Haltung zum Grundgesetz und nach seiner Einstellung zur islamischen Scharia wich der Prediger meist aus. Als Bosbach erklärte, dass die meisten Terroristen Kontakte zu salafistischen Strömungen hätten, nannte Dabbagh den Politiker indirekt einen Lügner.

Schon im Vorfeld hatte es massive Kritik an der Sendung gegeben, weil Sabatina James vor der Sendung wieder ausgeladen wurde. Als junges Mädchen sollte sie von ihrem Vater in Pakistan zwangsverheiratet werden. Sie flüchtete und konvertierte zum Christentum. „Am 9. Mai erhielt ich meine Einladung, zwei Tage später lud man mich wieder aus“, wurde die 30-Jährige von der „Bild“-Zeitung zitiert. Der WDR hat auf diese Kritik reagiert. Man habe versucht eine inhaltlich vertretbare Sendung zu komponieren. Deshalb habe man die Einladung von Frau James auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.

„Wie kann man verantworten, dass Salafisten in der ARD eine publizistische Plattform geboten wird und Hassan Dabbagh in der Sendung allein schon durch seine Anwesenheit für seine demokratiefeindlichen Ansichten werben kann?“, fragte hingegen Wolfgang Baake, Geschäftsführer vom Christlichen Medienverbund KEP, in einem Brief an WDR-Intendantin Monika Piel. Aufklärung und Information müssten nach Ansicht von EKD-Präses Nikolaus Schneider das Ziel sein, wenn öffentlich-rechtliche Sender Vertreter radikaler Haltungen zu Wort kommen lassen. Bei der ARD-Sendung über Salafismus sei das nicht gelungen, kritisierte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Die ARD und die Moderatorin Sandra Maischberger hatten sich vorgenommen, Fragen der Integration und des friedlichen Zusammenlebens der Religionen in unserem Land anzusprechen. Das aufklärerische Ziel wurde nicht erreicht.“ Dem Vertreter des Salafismus wäre eine Bühne für Propaganda geboten worden. Die übrigen Gäste seien so ausgewählt wurden, dass die Konfrontation im Vordergrund stand. „Auf christlicher Seite wurde niemand eingeladen, der wirklich für Integration eintritt und den Dialog mit den anderen Religionen in der Praxis führt.“

Das sieht die Moderatorin grundlegend anders. „Wir haben dem Salafismus keinen Raum für Propaganda geboten, sondern ganz im Gegenteil zur Aufklärung beigetragen“, sagte Sandra Maischberger am Donnerstag dem Tagesspiegel, „durch Einschätzungen des Verfassungsschutzes, des Zentralrats der Muslime in Deutschland, durch Vertreter eines moderaten Islam, sowie durch politische Stimmen wie die des Vorsitzenden des Bundestagsinnenausschusses Wolfgang Bosbach. Die Erkenntnis, dass sich die Salafisten solange an die Gesetze der Bundesrepublik halten wollen, solange sie in der Minderheit sind, konnte die Öffentlichkeit unserer Sendung entnehmen.“

Die Sendung hätte dafür Kritik, aber auch viel Zuspruch erhalten, sagte die Moderatorin weiter. „Nicht zuletzt eine hohe Zuschauer-Resonanz hat uns gezeigt, dass das Thema seit der Koranverteilung und den gewalttätigen Zusammenstößen in vielen Städten die Menschen offensichtlich beschäftigt und nicht ignoriert werden darf.“ Die Dienstagsausgabe sahen 2,43 Millionen Zuschauer (Marktanteil 19,7 Prozent). Das ist Rekord für diese Talkshow in diesem Jahr, erfreulich für Sendung und Sender ist auch, dass der Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen deutlich über ARD-Schnitt lag.

Dennoch, folgt man den Themen der diversen ARD-Talkshows der jüngeren Vergangenheit, könnte man auf den Gedanken kommen, dass lieber – wie bei „Hart aber fair“ – schon mal über Baumärkte oder über menschliche Schicksale wie bei „Günther Jauch“ geredet als eine Auseinandersetzung mit dem Wortführer der Salafisten gewagt wird? Wie sehr darf öffentlich-rechtliches Fernsehen noch polarisieren und dabei auch Vertreter radikaler Auffassungen zu Wort kommen lassen? Es ist zu beobachten, wie sehr der öffentlich-rechtliche Rundfunk dem gesellschaftlichen Trend einer Politikmüdigkeit, ja Politikverdrossenheit insofern folgt, als einschlägige Themen zunehmend auf das Umfeld von Wahltagen beschränkt werden. Ansonsten mehr bunte als harte, mehr interessante als relevante Themen. Vor diesem Hintergrund müssen das Thema von „Menschen bei Maischberger“ oder das schnelle Umschwenken von „Anne Will“ am Mittwoch auf „Röttgens Rausschmiss – Merkel im Abstiegskampf“ als richtig und angemessen gewählt erscheinen.

Die Kritik von EKD-Präses Schneider an der Salafisten-Sendung geht in die falsche Richtung. Er will als Fernsehkritiker glänzen statt als Kritiker des Fernsehens auftreten. Als Kritiker einer Programmtendenz, dass in Geprächssendungen immer stärker Instinkte und Gefühle im Baumarkt des Lebens behandelt werden. Schneider tut so, als wüsste er haarklein, in welcher Weise – auch beim Maischberger-Talk – dem Salafismus die Stirn geboten werden kann. Es hilft nichts, der EKD-Präses muss Dauergast in allen einschlägigen Sendungen werden.

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