Medien : Menschen, Bilder, Emotionen?

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Das Wir-Gefühl wird stärker bei Jahresrückblicken. Schließlich haben wir da alle dieselbe Referenzebene: das Jahr, wie es sich in den Schlagzeilen abgebildet hat. Es ist wie bei einem Gespräch mit Fremden übers Wetter: Wenigstens diese Erfahrung teilt man. Und wenn bei RTL am Sonntagabend noch unser aller Günther Jauch die Revue moderiert, dann sind die Fernsehzuschauer ein kompaktes Millionen-Wir.

Was war los? Fußball natürlich. WM-Torschützenkönig Thomas Müller war zugeschaltet. Aber auch Fabian aus Laatzen bei Hannover hat etwas Großartiges geleistet, nämlich die ganze WM mit Legosteinen nachgestellt, und zwar bewegt-animiert. Aber das Jahr blieb nicht so verspielt und erfreulich wie dereinst in Südafrika. Es gab auch Thilo Sarrazin, den Mann, „der Deutschland spaltete“. Jetzt sitzt der mürrische Autor vom „Buch des Jahres“ bei Jauch im Fauteuil und hat auf dessen Versuche, ihn zu provozieren und zu fragen, welche Partei er wählen wird, nur abgehangene „Ach, wissen Sie“-Antworten parat. Da gibt Jauch auf, fragt aber abschließend, ob der Deutschland-Spalter Daniela Katzenberger kenne. Sarrazin verneint. Katzenberger, die nach ihm kommt, kennt indessen ihren Sarrazin. Sie hat sogar aus seinem Buch vorgelesen. Auf sie folgt eine weitere Intelligenzbestie, Nikolaus Hildebrand, der mit 14 sein Abi gemacht hat. Er verkündet: „Schule ist schrecklich.“ Darauf verwandelt er mittels eines chemischen Versuches Sprudelwasser in Cola und lacht wie Spongebob. Christian Horsters, der bei Youtube entdeckte „DJ der guten Laune“, lacht wie ein Panzerknacker und stürmt über die Bühne wie ein Bobtail auf Ecstasy.

Günther Jauch war bei diesem über dreistündigen Jahresrückblick vor 5,44 Millionen Zuschauer als Zirkusdirektor alert-selbstironisch wie immer; mit Gästen wie Sarrazin übte er für seine Talkmaster-Tätigkeit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Mit den Jahren, so heißt es, streben TV-Moderatoren von selbst nach Seriosität. Eigentlich hat Jauch das nicht nötig. Barbara Sichtermann

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