Merkel ablösen! : „Warum nicht ich?“

Das ZDF wagt erneut „Ich kann Kanzler!“. Maybrit Illner, Michael Spreng und Oliver Welke sitzen in der Casting-Jury.

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Jury hoch drei. Oliver Welke (links), Maybrit Illner und Michael Spreng. Foto: dpa
Jury hoch drei. Oliver Welke (links), Maybrit Illner und Michael Spreng. Foto: dpaFoto: dpa

„Das Wort ist meine Waffe“, sagt Leslie Pumm, Auszubildender im Einzelhandel aus Berlin. Der 18-Jährige ist der jüngste von 15 Kandidaten, die beim ZDF behaupten: „Ich kann Kanzler!“ So richtig zünden wollte die Idee einer politischen Casting-Show beim ersten Mal im Jahr 2009 mit Marktanteilen von 11,5 Prozent nicht, dennoch unternimmt das ZDF drei Jahre später einen zweiten Anlauf – unter anderen Vorzeichen.

Die Kandidaten müssen sich nicht mehr am Rednerpult auf großer Bühne bewähren wie 2009, als die Show im ehemaligen Bundestag im Bonner Alten Wasserwerk aufgezeichnet wurde. Diesmal findet das Casting in einem Fernsehstudio in Hürth bei Köln und das Finale vor Publikum in einem Studio in Berlin-Adlershof statt. Zudem wird auch nur das Finale am 1. Mai um 22 Uhr ausgestrahlt, nicht aber die Fernseh-Zusammenfassung des Castings, bei dem eine Jury vier der 15 Kandidaten auswählt. 2009 stieß der Zusammenschnitt des Castings beim Publikum auf wenig Interesse. Der fünfte Kandidat fürs Finale qualifiziert sich durch Stimmabgabe im Internet. Wer von den 15 Bewerbern bis zum 15. April bei kanzler.zdf.de die meisten Unterstützer gesammelt hat, erhält eine „Online-Wildcard“ fürs Finale.

Außerdem soll es wohl ein wenig härter zugehen: „Wir wollen ein bisschen mehr herauskitzeln“, sagt Redakteurin Katrin Helwich. „Beim ersten Mal waren das alles furchtbar nette junge Menschen mit ähnlichen Positionen. Es ging sehr harmonisch zu.“ Offenbar zu harmonisch fürs Fernsehen. Aber eine Casting-Show im Stile von „DSDS“ soll es auch nicht werden. „Wir nehmen die Kandidaten ernst und respektieren sie. Wir werden hier keinen vorführen“, verspricht Politik-Berater Michael Spreng, der diesmal neben Maybrit Illner und Oliver Welke in der Jury sitzt. Spreng will besonders darauf achten, „ob sich die Leute mitteilen können – ganz im Sinne des neuen Bundespräsidenten, der gesagt hat: ,Demokratie soll Spaß machen’“. Für den Spaß könnte „heute-show“-Moderator Welke zuständig sein, der ankündigt: „Ich achte nur auf die Choreografie.“ Maybrit Illner hofft auf „originelle Ideen für dieses Land“ und bewundert schon mal den großen Mut, den die Kandidaten durch ihre Bewerbung bewiesen hätten. „Wir wollen den Beweis antreten, dass sich die Leute, gerade auch die jungen, für Politik interessieren.“

Als Moderator tritt ZDF-Allzweckwaffe Jörg Pilawa in Erscheinung, der als Produzent vergeblich versucht hatte, die Rechte des aus Kanada stammenden TV-Originals zu erwerben. „Leider war i&u schneller“, sagt Pilawa. Wie 2009 produziert erneut Günther Jauchs i&u die „Ich kann Kanzler!“-Show, allerdings ist Jauch mittlerweile prominenter ARD-Talker und sitzt wohl deshalb auch nicht mehr in der ZDF-Jury. Dem Sieger oder der Siegerin winkt als Belohnung ein monatliches Kanzlergehalt von 18 000 Euro – einmalig, versteht sich.

Nur vier Frauen, aber elf Männer hat das ZDF aus rund 1000 Bewerbern für die vorletzte Runde ausgewählt. Allerdings spiegelt dies die Geschlechterverteilung bei den Bewerberzahlen wider, unter denen mehr als drei Viertel Männer waren. Von links bis liberal und konservativ sind verschiedene politische Farben vertreten. „Der Wunsch nach einer parteipolitischen Plattform ist aber sehr unterentwickelt“, sagt Oliver Welke. Forderungen und Reform-Ideen beziehen sich vorwiegend auf das Steuersystem, auf Bildung und soziale Gerechtigkeit. Der 28-jährige Student Daniel Uphaus aus Schwabach schlägt, ganz auf der Höhe der Piraten-Zeit, eine „Wikipedia-Demokratie“ vor, in der gemeinsam an einem Gesetzestext gearbeitet werde. Der Älteste in der Runde, der 64-jährige Gerhard Jentsch, ein ehemaliger Schulleiter aus Unna, sieht dagegen die Demokratie in Gefahr, unter anderem durch eine „ungerechte Kapitalverteilung“. Da müsse jemand „dazwischenhauen“, fordert er. Und: „Warum nicht ich?“ Thomas Gehringer

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