Merkwürdiges Auswahlverfahren : Mauscheln in Marl

Das Grimme-Institut sucht einen neuen Chef. Frauke Gerlach ist die Favoritin, aber ist sie auch die richtige Kandidatin?

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Mit 50 startet man entweder noch mal durch, bleibt auf der Stelle stehen, oder es geht langsam bergab. Welche Richtung das Grimme-Institut in Marl einschlägt, das im April 2014 zum 50. Mal herausragendes Fernseh mit seinen renommierten Preisen auszeichnet, ist noch nicht klar.

Was vor allem daran liegt, dass zurzeit jemand gesucht wird, der am 1. Mai die Nachfolge des jetzigen Geschäftsführers Uwe Kammann antritt. Um diese Person zu finden, wurde die Stelle öffentlich ausgeschrieben, 17 Kandidaten sollen sich beworben haben. Die entsprachen aber offenbar nicht den Vorstellungen der Gesellschafter des Instituts, zu denen als größter der Deutsche Volkshochschul-Verband (DVV) mit 40 Prozent Stimmenanteilen sowie das Land Nordrhein-Westfalen, die Film- und Medienstiftung NRW, die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM), die Stadt Marl, der WDR und das ZDF mit jeweils zehn Prozent Stimmenanteilen gehören. Der DVV war es, der eine weitere Person in den Kreis der Bewerber aufnahm, Frauke Gerlach, die parteilose Justiziarin der Grünen-Fraktion im NRW-Landtag.

Ein Insider sagt: „Das bislang renommierte Grimme-Institut musste schon die Fusion mit dem obskuren Europäischen Zentrum für Medienkompetenz ertragen, nun regiert der umstrittene Medienstaatssekretär Marc Jan Eumann offenbar auch personalpolitisch hinein.“ Auch für den medienpolitischen Sprecher der FDP-Landtagsfraktion, Thomas Nückel, erscheint der Vorschlag „wie die Rückkehr zu alten Zeiten des Auskungelns wichtiger Positionen durch die Staatskanzlei“, in der gerade die SPD regiert. Zudem sei das Prozedere, in der „aus den Reihen der Gesellschafter die Aufsichtsratsvorsitzende des Grimme-Instituts Gerlach als Kandidatin aus dem Hut gezaubert“ wird, eine Brüskierung der in die engere Wahl genommenen Bewerber.

Zwei sagten die Einladung der Findungskommission ab, einer davon Dieter Anschlag, Chefredakteur des Fachdienstes „Funkkorrespondenz“. Nach Tagesspiegel-Informationen begründete er seinen Verzicht damit, dass Frauke Gerlach gegenüber den anderen Kandidaten derartige Vorkenntnisse habe, dass Chancengleichheit auszuschließen sei. Von einem fairen Verfahren könne keine Rede sein.

Ein Hauptproblem ist Gerlachs Qualifikation, da sie mit der Kernaufgabe des Grimme-Instituts, der Beobachtung und Analyse von Fernsehprogrammen, bisher nicht in Erscheinung getreten ist. Dafür ist sie bestens mit der Medienszene in NRW und dem GrimmeInstitut vertraut, schließlich sitzt sie im Aufsichtsrat von zwei der sieben Gesellschafter des Instituts, nämlich der Film- und Medienstiftung NRW und der LfM. Zudem leitet sie den Aufsichtsrat des Grimme-Instituts, der in den letzten Monaten intensiv an dessen Umstrukturierung gearbeitet hat, das sich zukünftig auch mit den Folgen der Digitalisierung für die Gesellschaft beschäftigen soll. Das wirkt wie maßgeschneidert für Gerlach, die 2010 zum Thema Media Governance promoviert hat („Moderne Staatlichkeit in Zeiten des Internets“).

2010 hatte sich die heute 49-Jährige als Direktorin der LfM beworben, musste sich damals aber Jürgen Brautmeier geschlagen geben. Da sie sich keine weitere Schlappe leisten kann und will, ist davon auszugehen, dass sie ihrer Nominierung für den Grimme-Chefposten nur unter bestimmten Zusagen zugestimmt hat. Aber es gibt ja noch einen weiteren Kandidaten, dessen Name letzte Woche durchgestochen wurde: Stephan Weichert, Professor für Journalistik und stellvertretender Studiengangleiter am Campus Hamburg. Auch er ist kein Mann der Praxis, sondern kommt aus der Wissenschaft und hat zudem mit der Geschäftsführung eines größeren und zudem vor schwierigen Aufgaben stehenden Instituts keine Erfahrung.

Was das Grimme-Institut braucht, ist eine visionäre Persönlichkeit mit praktischer Fernseherfahrung. Denn auf das Institut kommen anspruchsvolle Fragen zu. So muss dringend über die Zukunft des Grimme-Preises nachgedacht werden, ob er in der jetzigen Form – getrennt in Fernsehen und Online – noch bestehen kann.

Mit Kammann geht auch der langjährige Leiter des Grimme-Preises, Ulrich Spies, dessen Nachfolge erst von der neuen Leitung bestimmt werden soll. Auch hier droht ein Vakuum. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn die Gesellschafter von Anfang an eine Doppelspitze für den kreativen und für den kaufmännischen Bereich gesucht hätten. Klar ist, dass das verquere Findungsverfahren und die Diskussion darum dem Institut wie auch den Bewerbern Schaden zugefügt haben. Egal, für wen sich die Gesellschafterversammlung im Januar entscheidet.

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