Millionendeal und Folgen : Abnehmen in Essen

Der Kauf der Springer-Zeitungen beunruhigt die Mitarbeiter der Funke Mediengruppe.

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Zum Funke-Konzern gehören „WAZ“ und „Neue Ruhr / Neue Rhein Zeitung“. Foto: dpa
Zum Funke-Konzern gehören „WAZ“ und „Neue Ruhr / Neue Rhein Zeitung“. Foto: dpaFoto: dpa

Nicht wenige Mitarbeiter des „Hamburger Abendblattes“ und der „Berliner Morgenpost“ lesen in diesen Tagen nach, wie ihre neuen Eigentümer gelegentlich mit etablierten Zeitungsredaktionen umspringen. Die Berliner und die Hamburger lesen dann, dass die Essener Konzernherren zu Jahresbeginn plötzlich das Ende der „Westfälischen Rundschau“ verkündet haben und es dabei nicht einmal für notwendig erachtet hatten, den sozialdemokratischen Miteigentümer vorab zu informieren. Obwohl die SPD-Medienholding 13 Prozent an der „WR“ hielt, erfuhren die Verantwortlichen das aus der Presse. „Die Entscheidung der WAZ ist nicht plausibel nachvollziehbar und erweckt den Eindruck einer seelenlosen Redaktionsklempnerei“, urteilte SPD- Schatzmeisterin Barbara Hendricks empört. Dass die Essener den Titel „Westfälische Rundschau“ weiterleben und die Redaktionsinhalte von anderen Blättern zuliefern lassen und dafür 120 Redakteure in die Wüste geschickt haben, ist für den Medienwissenschaftler Horst Röper typisch für das Gebaren der Essener: „Was von der ,Rundschau’ übrig bleibt, ist ein Produkt mit Etikettenschwindel".

Seitdem in der vergangenen Woche bekannt geworden ist, dass die Funke Mediengruppe von Springer die Regionalblätter sowie die Programm- und Frauenzeitschriften gekauft hat, herrscht in allen Redaktionen Alarmstimmung. „Wir müssen die Zeche am Ende bezahlen“, schwant einem Autor. „Erst hieß es, wir müssen gegen den Auflagenverlust ansparen, dann waren es die Rückgänge im Anzeigengeschäft, dann brauchten die Eigentümer mehr Geld, weil sie die Brost- Anteile übernommen haben und jetzt muss die knappe Milliarde für Springer finanziert werden“, beschreibt ein Insider die Lage in Essen.

Erst 2012 hatte die Funke-Erbin Petra Grotkamp den Anteil der Brost-Erben gekauft und sich auf diesem Wege zur mit 66,6 Prozent beherrschenden Eigentümerin aufgeschwungen. Auf diesem Wege hat sie das Patt zwischen der Funke- und der Brost-Seite aufgelöst, aber seither steht auch sie unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. Sie ist auf höhere Renditen angewiesen.

In den Tageszeitungen des Ruhrgebiets ist schon jede dritte Stelle verloren gegangen, der Abbau schreitet weiter voran. Aus den Korrespondenten-Büros in Paris und London hat man sich zurückgezogen, Washington wird bald aufgegeben, Düsseldorf und Berlin personell verkleinert. Die Zeitungsmacher nehmen damit Abschied von ihrem eigenen Anspruch auf eine Autorenzeitung, selbst die für einige Jahre verbannte Agentur dpa darf den Konzern wieder beliefern. Es gilt eine neue redaktionelle Parole: Dass die Lokalzeitungen vom Lokalen und nicht vom Überregionalen leben und die entsprechenden Redaktionen gestärkt werden müssen. Jürgen Zurheide

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