Missbrauchskandal : BBC-Journalisten ziehen gegen ihre Chefs zu Felde

Vertuschung auf Druck der Programmdirektion: Der Skandal um den verstorbenen britischen Fernsehstar Jimmy Savile und seine pädophilen Neigungen stürzt die BBC in eine Vertrauenskrise. In einem Fernsehbeitrag hinterfragten BBC-Journalisten nun das Vorgehen ihrer eigenen Vorgesetzten.

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Unter Druck. Kaum im Amt, wird es für BBC-Chef George Entwistle eng.Foto: dpa
Unter Druck. Kaum im Amt, wird es für BBC-Chef George Entwistle eng.Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Der Skandal um den verstorbenen britischen Fernsehstar Jimmy Savile und seine pädophilen Neigungen stürzte am Montag die BBC, ihre Journalisten und den neuen Generaldirektor George Entwistle in eine schwere Vertrauenskrise. „Bürgerkrieg in der BBC“, schrieb der „Daily Telegraph“ über eine Dokumentation von internen E-Mails. In einem ungewöhnlichen Schritt befasste sich am Montagabend das investigative BBC-Programm „Panorama“ mit der Entscheidung leitender Redakteure, eine Untersuchung von Saviles Vergangenheit durch das Spätmagazin „Newsnight“ im Dezember 2011, zwei Monate nach Saviles Tod, abzusetzen. Die Sendung bestätigte den Verdacht, dass das Programm auf Druck der Programmdirektion abgesetzt wurde, um eine geplante Tributsendung für Savile im Weihnachtsprogramm des Senders nicht zu gefährden.

In dem „Panorama“-Beitrag am Montag sprach die Reporterin Liz MacKean von „irreführenden Erklärungen“ über die Absetzung des Programms. Im Dezember sei die Einstellung der BBC gegenüber dem Programm schlagartig umgeschlagen. „Im einen Moment hieß es, exzellent, lasst uns das ausstrahlen, am nächsten Tag hieß es stopp“. „Newsnight“-Chef Peter Rippon und BBC-Generaldirektor George Entwistle, der damals noch der zuständige leitende Chef der BBC-Fernsehprogramme war, hatten die Absetzung des Programms in den letzten Tagen und Wochen mit unzureichenden Rechercheergebnissen begründet.

Der exzentrische Savile, eine Art englischer Gottschalk, blond, immer mit Zigarre und glitzernden Trainingsanzügen, Moderator von „Top of the Pops“ und der Familiensendung „Jim’ll fix it“ und unentwegt als Wohltäter für Kinderheime und Krankenhäuser aktiv, missbrauchte offenbar jahrzehntelang seinen Status als bewunderte Celebrity, um in Kontakt mit verwundbaren Kindern zu kommen und diese zu missbrauchen. Starkult und Bewunderung hinderten die Menschen seiner Umgebung einzuschreiten. Die Absetzung der „Newsnight“-Recherchen zugunsten der Lebenswürdigung im Weihnachtsprogramm war der letzte Gipfelpunkt in dieser lebenslangen Vertuschung. Wieweit Entwistle persönlich als TV-Chef in die Entscheidung verwickelt war, dürfte für seine Zukunft in der BBC entscheidend sein.

George Entwistle wird am heutigen Dienstag vom Medienausschuss des Unterhauses über sein Wissen und seine Rolle in dem Skandal und der möglichen Vertuschung befragt. „Der eigentliche Schaden für die BBC ist der Verdacht, dass die „Newsnight“-Untersuchung abgeblasen wurde und mehrere Individuen davon wussten und nichts unternahmen“, sagte der Ausschussvorsitzende John Whittingdale.

Seit der Skandal bekannt wurde, haben sich über 100 Opfer bei der Polizei gemeldet. Die Polizei ermittelt umfassend gegen den Toten, dessen Grabstein von der Familie entfernt und zerstört wurde. Die BBC selbst hat zwei Untersuchungen zum Ausmaß ihrer eigenen Mitwisserschaft angeordnet.

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