Mit Algorithmen gegen den "Islamischen Staat" : Minority Report im Anti-Terror-Kampf

Mit Gräuelvideos geht der "Islamische Staat" im Netz auf Rekrutenfang. Ein Algorithmus verrät nun, ob jemand in Zukunft den IS unterstützen wird. Kann die Terrororganisation so geschwächt werden?

Michel Penke
Youtube, Twitter, Facebook: Für IS-Terroristen bietet das Internet eine gute Propaganda-Plattform. Doch wie kann man sie dort stoppen?
Youtube, Twitter, Facebook: Für IS-Terroristen bietet das Internet eine gute Propaganda-Plattform. Doch wie kann man sie dort...Foto: dpa

Eine Welt ohne Verbrechen. Eine Welt, in der Prophezeiungen jeden Mord vorhersagen und zukünftige Verbrecher vorab verhaftet werden. So stellte sich der Kinofilm „Minority Report“ aus dem Jahr 2002 die ferne Zukunft vor. Tom Cruise bekam dann Probleme, weil er, der Vollstrecker der schönen neuen Welt, plötzlich selbst auf der Abschussliste stand. Hollywood, Science Fiction und ein bisschen Liebe.

Die Gegenwart ist weniger romantisch. Die Orakelsprüche kommen nicht von nackten Frauen im Silikontank. Ansonsten ist die Gegenwart jedoch dabei, die Zukunft einzuholen: Prophezeiungen, Verbrechen, Massenüberwachung. Das volle Programm.

Im Minority Report von heute geht es nicht um Kriminalität, sondern um Terrorismus. Es sollen keine zukünftigen Mörder gefunden werden, sondern IS-Überläufer. Auch das Schlachtfeld ist weniger actiongeladen – die sozialen Medien sind das Einsatzgebiet der Gegenwart.

Forscher des Computer Research Institutes aus Katar haben einen Computeralgorithmus entwickelt, der mit fast 90-prozentiger Sicherheit vorhersagen kann, welche Twitter-Nutzer sich zu IS-Sympathisanten entwickeln werden – ohne dass diese den IS überhaupt jemals erwähnt hätten. Einmal entdeckt, könnten die Betreiber des Kurznachrichtendienstes diese Accounts leicht minutiös beobachten und im Fall einer Radikalisierung sofort sperren. Nicht ohne Grund konzentrieren sich Big-Data-Ansätze bei der Terrorismusbekämpfung auf die sozialen Medien. Sie sind anarchisch, schwer zu zensieren und bieten, was die Terrorismus-Propaganda braucht: Viralität, die ganz große Bühne.

Das ist ein Problem: vor allem für Twitter, Facebook und Youtube selbst. Denn nicht zuletzt schadet es dem Geschäftsmodell, wenn der User jederzeit über Gräuelvideos stolpern kann. Außerdem haben soziale Medien einen taktischen Nachteil: Videos oder ganze Nutzeraccounts können erst gesperrt werden, wenn das Propagandamaterial bereits gesendet wurde und die ersten User erreicht hat. Facebook und Co. sind immer einen Schritt hinterher.

Es braucht eine Strategie gegen den "Cyber-Dschihad"

Zumindest bei Twitter könnte sich das nun ändern. Das #MinorityProgramm2015 ist in der Entwicklungsphase. 3,1 Millionen Tweets in arabischer Sprache von 250 000 Nutzern wurden für das Forschungsprojekt ausgewählt. Sie alle hatten den "Islamischen Staat" in irgendeiner Form erwähnt. Eine Stichprobe von 1000 Tweets wurde von einem arabischen Muttersprachler daraufhin eingeteilt, ob sie den "Islamischen Staat" positiv, neutral oder negativ bewerteten. Dabei ergab sich, dass User, die den "Islamischen Staat" als „Aldawla Alislamiya“ („Islamischer Staat“) oder „Aldawla Alislamiya fi Aliraq walsham“ („Islamischer Staat im Irak und der Levante“) bezeichneten, zu 93 Prozent positiv gegenüber der Terrormiliz eingestellt waren. Die Bezeichnung „Da’esh“ („IS“) wiederum wurde zu 77 Prozent von Kritikern des IS genutzt.

Knapp zwei Drittel der Pro-IS-User wiesen dabei eine Radikalisierung nach einer anfänglich neutralen Haltung auf. Ihre nicht mit dem IS zusammenhängenden Tweets wurden von den Forschern auf Gemeinsamkeiten in Ausdruck, Häufigkeit und Kontext untersucht. Spätere IS-Unterstützer verlinkten beispielsweise signifikant häufiger zu Berichten über fehlgeschlagene Aufstände des Arabischen Frühlings. Am Ende steht nun ein intelligenter Algorithmus, der anhand des Tweet-Verhaltens vorhersagen kann, ob ein User später zum Sympathisanten des Islamischen Staates wird. Zur Kontrolle überprüften die Wissenschaftler den Algorithmus an diversen Twitter-Nutzern. Die Erfolgswahrscheinlichkeit: 87 Prozent. Und damit genug, um aus den 288 Millionen Nutzern eine ausreichend kleine Gruppe herauszufiltern, die dazu neigen wird, IS-Propaganda zu verbreiten.

Twitter war vor allen anderen Netzwerken in der Vergangenheit kritisiert worden, zu passiv gegen die Verbreitung von IS-Propaganda vorgegangen zu sein. Erst Anfang März hatten Mitglieder des US-Kongresses Twitter-CEO Dick Costolo in einem offenen Brief zu einer aggressiveren Strategie gegen den „Cyber-Dschihad“ aufgefordert. Zuvor war bekannt geworden, dass etwa 46 000 IS-Unterstützer-Accounts auf Twitter aktiv sind. Der Kurznachrichtendienst sperrt derzeit rund 2000 terroraffine Accounts – pro Woche.

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