Mittwochsfilm : Das Leben ist ein Negligé

Diese Chance hat die ARD vertan: Weil der Sender nur an sich selbst und die Quote denkt, führt der Film „Halbe Hundert“ die Frauen auf längst ausgetrampelte Pfade zurück.

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Krisengipfel. Die drei Freundinnen (Leslie Malton, links, und Johanna Gastorf, rechts) beraten über Annes (Martina Gedeck) Situation. Foto: ARD
Krisengipfel. Die drei Freundinnen (Leslie Malton, links, und Johanna Gastorf, rechts) beraten über Annes (Martina Gedeck)...Foto: WDR/Thomas Kost

Wenn sein Publikum altert, muss das Fernsehen die Sorgen des Alterns verfilmen. Wahrscheinlich würden viele Ältere lieber was von den Sorgen der Jugend erfahren, aber die Fernsehsender, die immer nur an sich selbst, sprich an ihre Quote denken, setzen ein solches egoistisches Denken auch beim Publikum voraus. Also machen sie den gefühlt zweihunderfünfzigsten sogenannten Frauenfilm über das Älterwerden.

Die Verabredung lautet: Ältere Frauen sind heutzutage immer noch attraktiv, wenn nicht überhaupt die schärfste Generation. Leider glauben sie das selbst nicht so ganz und machen sich schreckliche Sorgen. Die eine verzichtet aufs Autofahren, weil sie keine Brille tragen will, die andere spart auf eine Brust-OP, und die dritte? Sie mietet einen schicken Begleiter, um auf einer Tagung Neid zu erregen.

Und so ist dieser Film „Halbe Hundert“ kein Frauenfilm im guten Sinne. Das wäre ein Film, der Frauen, egal welchen Alters, von Wünschen und Tätigkeiten her inszenierte, die eher weniger mit ihrer Wirkung auf Männer zu tun haben. Spätestens mit fünfzig, so könnte man denken, haben Frauen erkannt, dass es noch andere Dinge im Leben gibt als den Pfiff eines Kerls, wenn sie ihren Hintern schwenken. Aber nein, „Halbe Hundert“ führt uns wieder auf den alten, ausgetrampelten Pfad: Frauen fürchten sich davor, „im erotischen Abseits“ (Presseheft) zu landen. Und kämpfen verzweifelt dagegen.

Nun könnte man einwenden: Beruflicher Ehrgeiz zum Beispiel, der noch nicht richtig befriedigt ist, lässt sich schlechter verfilmen als die Angst vorm Ausbleiben des besagten Pfiffs. Wie überhaupt Erotik nun mal Film-Thema Nr.  1 ist. Eine Frau, die sich im Negligé vorm Spiegel dreht, fängt sofort die Aufmerksamkeit, besonders wenn es sich bei ihr um Martina Gedeck handelt. Der Denkfehler: Erotik kommt viel besser und überzeugender indirekt. Wenn etwa eine Frau beim Kampf um die nächste Stufe in der beruflichen Hierarchie zwischendurch mal in den Spiegel guckt, kann sie doppelt so erotisch wirken, als wenn sie davor im Negligé tanzt.

Das erotische Abseits droht Frauen jedes Alters vor allem dann, wenn die Furcht, hineinzugeraten, das bestimmende Gefühl ihres Daseins ist. Man sollte mal einen Männerfilm mit dieser Grundidee drehen. Sofort würde klar, wie absurd und vorgestrig diese Angst vor dem Verlust der Sexyness ist. Nichts zerstört die erotische Aura so restlos wie die Angst, sie zu verlieren. Das gilt auch für die Figuren eines Films.

So zieht denn in „Halbe Hundert“ Charlotte, gespielt von Johanna Gastorf, wohl die größten Sympathien auf sich. Denn dieser Familienmutter ist es gar nicht so arg wichtig, wie sie ausschaut, und das mit der Brust-OP ist eher eine fixe Idee. Freundin Fiona indessen, die eine Boutique hat und die man nie bei der Arbeit sieht, macht aus sich selbst die Karikatur eines Weibchens, das immer nur gefallen will, aber irgendwann zu Freundin Anna sagen muss: „Außer dir und Charlotte gibt es in meinem Leben nichts, was nur die geringste Bedeutung hat.“ Leslie Malton spielt diese Nullnummer mit stiller Verzweiflung. Martina Gedeck als Anna, eine prominente Handchirurgin, hätte dem Publikum mit ihrem Berufsleben imponieren (und dabei erotisch wirken) können, aber sie wird nahezu ausschließlich beim Auf und Ab ihrer Affäre mit einem Callboy (Torben Liebrecht) gezeigt, dessen Strategien schließlich offenbaren, was Männer von Frauen halten, die nichts anderes im Kopf haben als Männer. Auch Regisseur Matthias Tiefenbacher hat seine Damenriege eher mit der linken Hand inszeniert, eher lahm als lässig, ganz so, als nähme er ihr ewiges Barmen um Falten und Fitness nicht ernst.

Die drei Freundinnen um die fünfzig, Anna, Charlotte und Fiona, werden für ihren Griff nach einem Rest Jugendlichkeit vom Drehbuch (Silke Zertz) am Schluss bestraft. Keine bekommt ihren Ausbruch, jede kann froh sein, dass ihre Mitwelt trotz allem zu ihr steht. Das ist eigentlich inkonsequent, denn zu Beginn verspricht der Film seinem Publikum eine Version von „Forever Young“, so super gestylt bewegen sich die drei Ladys vor der Kamera, so ausdauernd ermutigen sie einander, den Traum von Jugend und Schönheit weiterzuträumen.

Die Zielgruppe, Frauen fünfzig plus, ist wie gesagt schon weiter. Sie pfeift auf den Pfiff. Weiß sie doch genau, dass es verschiedene Wege zum Lebensglück gibt und dass der Traum vom „richtigen“ Mann, dem die ganzen Zurüstungen zum Vermeiden der Abseits-Falle letztlich gelten, nur einer von mehreren ist und wahrlich nicht der geradeste.

„Halbe Hundert“, 20 Uhr 15, ARD

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