Moderatoren mit Macht : Haste mal ’ne Nummer?

Pilawa, Jauch, Kerner: Wie sich das deutsche Unterhaltungsfernsehen verkauft hat. Durch die permanente Auslagerung von Kompetenz aus den Sendern sind die Redakteure rat- und hilflos.

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Bald wieder ein Mainzelmann? Johannes B. Kerner hat wieder Zukunft. Foto: pa/dpa Foto: picture-alliance/ dpa
Bald wieder ein Mainzelmann? Johannes B. Kerner hat wieder Zukunft. Foto: pa/dpaFoto: picture-alliance/ dpa

Jörg Pilawa hat das deutsche Fernsehsystem begriffen. Der Starmoderator hat von ProSieben zu Sat 1 zur ARD zum ZDF rübergemacht, um jetzt wieder vom Zweiten ins Erste zu wechseln. Es braucht wenig Fantasie, dass der jetzt 46-Jährige sich stets verbessert hat. Wie auch anders: Pilawa bringt Formatideen mit und seine eigene Produktionsfirma. Das scheint für die Sender ideal – in Wahrheit ist es für das Fernsehen katastrophal.

Die Privaten haben vorexerziert, was die Öffentlich-Rechtlichen nachexerzierten. Sie haben, was nicht in die Senderwand festgedübelt werden kann, ausgelagert. Das Prinzip „Outsourcing“ sollte nur Vorteile bringen: Die Sender reichen einen Scheck rüber, dafür gibt es Kassetten mit fertigen Sendungen. Und wenn die floppen, dann war auch dieses Risiko outgesourct: Es lag ja einzig und allein beim Produzenten/Moderator. Was die schlauen Senderverantwortlichen nicht bedacht hatten: Sie haben mit jedem Risiko auch jede Kompetenz nach draußen verlagert. Kurz: Läuft die Show, freut sich der Redakteur, läuft die Show nicht, ist er hilflos. Das macht die Pilawas, Günther Jauchs und Markus Lanz’ so mächtig. Sie haben die Sender in die Hand bekommen. Floppt die Sendung, bleibt immer noch der Fernsehstar übrig, den der Sender weiterbeschäftigen will – Star ist der Star, und schon die nächste Starshow kann wieder funktionieren. Das deutsche Auftragsfernsehen hat den Auftraggeber entmündigt.

Verträgt sich diese Analyse, dass das Auslagern der Kreativität aus den Sendern hinaus zu den Produzenten/Moderatoren nur Rat- und Mutlosigkeit befördert, mit dem möglicherweise erneuten Engagement von Johannes B. Kerner beim ZDF? Unbedingt. Erst mal: Gegen den Fernsehfachmann Kerner spricht nichts. Er, der mit seiner „Johannes B. Kerner“-Talkshow dem „Markus Lanz“ den Boden bereitet, er kann Fußballübertragungen so gut moderieren wie Oliver Welke, alles unbestritten. Kerner ist nicht an seiner Fernsehkompetenz, sondern an seiner Hybris gescheitert. Wenn er jetzt, anders als in der Vergangenheit, klug und bei den Gagen bescheiden mit dem ZDF verhandelt, kann er wieder zeigen, dass er mit dem Zweiten besser lebt als mit seinem zwischenzeitlichen Sat-1-Irrtum. Es ist nicht JBK’s Schuld, sondern sein Vermögen, dass dem ZDF nur Kerner einfällt.

Das kann einem wie Thomas Gottschalk nur recht sein. Eher früher als später wird sein Telefon in Malibu klingeln und dem nur leicht angeschlagenen Publikumsliebling eine großzügige Offerte unterbreitet: Thommy, wir brauchen Dich. Was die Kompetenz der Unterhaltungsredakteure im deutschen Fernsehen ausmacht? Ein Telefonbuch auf der Höhe der aktuellen Nummern. Joachim Huber

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