Modernisierung der Sex-Beratung : Na Bravo, Dr. Sommer!

Das Sex-Beratungsteam der Jugendzeitschrift "Bravo" antwortet momentan lapidar oder gar nicht. Jetzt wird die Rubrik neu ausgerichtet.

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Nur noch 300 Anfragen bekommt das Dr.-Sommer-Team bei der Zeitschrift „Bravo“ derzeit pro Woche.
Nur noch 300 Anfragen bekommt das Dr.-Sommer-Team bei der Zeitschrift „Bravo“ derzeit pro Woche.Foto: dpa

Vany0407 will Antworten, na ja, zumindest eine. Eine Antwort von Doktor Sommer. Oder seinem Team. Sie hat eine Frage gestellt, über Sex, logisch, per Mail, heutzutage genauso logisch. Seitdem wartet sie. Scheinbar schon etwas länger, denn Vany0407 fragt im Internet-Forum der „Bravo“ nach: „Wie und wann bekomme ich denn da eine Antwort?“ Zum Glück gibt es Blubberbrause. Blubberbrause rät Vany0407, ihre intimsten Fragen lieber gleich der bravo.de-Gemeinde statt Dr. Sommer zu stellen, denn: „Das kann schon mal dauern. Hier bist du besser bedient. Zumal es doch eh nur noch vorgefertigte Antworten von Praktikanten gibt“.

Blubberbrause ist nicht irgendein halbstarker bravo.de-User, der mit diesem Vorschlag nur auf offenherzige Details von Vany0407 spekuliert. Er hat den Status eines bravo.de-Team-Moderators, ist also eine Person, die „der Redaktion als besonders aktiv, hilfsbereit und verantwortungsbewusst aufgefallen“ ist. So heißt es in den bravo.de-Statuten. Blubberbrause ist zwar kein bezahlter Redakteur, hat als Online-Moderator aber besondere Fähigkeiten und Verpflichtungen. Dass er Vany0407 ganz generell von Dr. Sommer abrät, spricht eine eigene Sprache.

Früher hatte Dr. Sommer 5000 Zuschriften pro Woche. Heute sind es 300

Die „Bravo“: einst das Flaggschiff des Jugendjournalismus, inklusive Starschnitt und Sexberatung. In den 1970er Jahren kratzte die Auflage an der Zwei-Millionen-Marke, auch in den Neunzigern wurden noch 1,4 Millionen Hefte wöchentlich verkauft. Ab 1969 sorgte besonders die Rubrik „Dr. Sommer“ dafür, dass das Heft unverzichtbar für Generationen von Teenagern wurde. Anfangs ging es mehr um psychologische Beratung (was tun bei Streit mit den Eltern?), schon 1972 fand sich die „Bravo“ dank Dr. Sommer auf dem Index für jugendgefährdende Schriften. Grund waren zwei Artikel über Selbstbefriedigung. Supergau für die Sittenwächter, Ansporn für die Jugendlichen: Zwischen 3000 und 5000 Zuschriften bekam Dr. Sommer danach pro Woche – lange Zeit ausschließlich per Post. Heute sind es insgesamt noch magere 300 Anfragen wöchentlich, per Brief, Telefon, oder, wie von Vany0407, per Mail. Die Auflage der „Bravo“ liegt derzeit bei gut 140 000 Heften. Das sind weniger als die Hälfte, die noch 2012 verkauft wurden.

Den Glauben daran, dass Sex sells, hat die „Bravo“ scheinbar spätestens mit der Entlassung von Jutta Stiehler aufgegeben. Im April dieses Jahres wurde die langjährige Leiterin des Dr.-Sommer-Teams wegrationalisiert. Die „Bravo“ muss wegen der Auflageneinbrüche empfindlich sparen – und dieser Sparkurs macht auch vor Dr. Sommer nicht halt. Auf Stiehlers Xing-Account spricht die Diplom-Sozialpädagogin ihre Kündigung direkt an. Sie beschreibt sich als eine Person, die „Menschen im Fokus“ sieht und verweist auf ihre langjährige, teils persönliche Jugendberatung. Kompetenzen, die die „Bravo“ jetzt nicht mehr braucht? Oder die sie sich nicht mehr leisten will?

Seit Stiehlers Entlassung ist ihre frühere Mitarbeiterin Sabine Kadolph für die Leitung von Dr. Sommer zuständig. Moderatoren wie Blubberbrause und andere böse Zungen behaupten, im Dr.-Sommer-Team würden mittlerweile Praktikanten und Volontäre die Fragen der Jugendlichen beantworten. Die Teenager bekämen deshalb standardisiertes, halb gares Tröste-Wischiwaschi von Personen, die keinerlei psychologische oder pädagogische Ausbildung haben. Marc de Laporte, Verlagsgeschäftsführer der Bauer Redaktions KG in München, dementiert: „Das stimmt nicht. Das Dr.-Sommer-Team arbeitet seit vielen Jahren mit freien Mitarbeitern zusammen, die hoch qualifiziert sind. Die volle Beratungskompetenz des Dr.-Sommer-Teams ist nach wie vor gewährleistet“. Zur Entlassung von Jutta Stiehler stellt de Laporte im Übrigen fest, dass sich „das Dr.-Sommer-Team dadurch nicht wesentlich verkleinert hat“.

Die größte Konkurrenz heißt Youtube. Dort gucken Teenager "Dr. Winter"

Versucht man, mit den freien Mitarbeitern über ihre Arbeit im Dr.-Sommer-Team zu sprechen, bekommt man den Hinweis, dass sie nur Auskunft geben dürfen, wenn „Bravo“-Chefredakteurin Nadine Nordmann ihr Einverständnis gegeben hat. Wendet man sich daher an Nordmann, geht es einem ein bisschen wie Vany0407. Man wartet und wartet – und bekommt keine Antwort. Stiehlers Vorgängerin als Leiterin des Dr.-Sommer-Teams, Eveline von Arx, sagt zwar, dass es ehemaligen und aktuellen Mitarbeitern eigentlich erlaubt ist, über ihre Arbeit bei Dr. Sommer zu sprechen. Machen will es aber niemand, von Arx selbst auch nicht. Weniger verschwiegen gibt sich die „Bravo“, wenn es um ihre Zukunftspläne für Dr. Sommer geht. Laut Marc de Laporte arbeitet Bauer Media derzeit daran, die Rubrik weiter auszubauen und neue Formate für sie zu entwickeln. Ein Fokus dürfte dabei auf Bewegtbild und Videos liegen, denn Dr. Sommer hat ernst zu nehmende Konkurrenz von Dr. Winter bekommen. Auf dem Youtube-Kanal „61 Minuten Sex“ informieren sich rund 4 Millionen User monatlich über das, was der Name des Channels schon sagt. Die Stars der Videos: Jan „Dr.“ Winter und seine Kollegin Gianna Chanel. Bei ihnen klicken sich täglich tausende Jugendliche und Junggebliebene durch zwei- bis fünfminütige Clips zu Themen wie „BH öffnen“ und „Penisanatomie“. Schnelle Infos, unkompliziert vermarktet, ohne den leicht dramatischen Unterton, den eine „Bravo“-Beratung durchaus haben kann. Dr. Sommer kommt da kaum noch hinterher.

Damit das nicht so weitergeht, sind wohl massive Veränderungen angedacht. Bei einer Pressekonferenz Anfang September in Hamburg will Bauer Media die Neuausrichtung der Dr. Sommer-Beratung vorstellen. Vielleicht muss Vany0407 ihre Fragen dann nicht im Forum posten.

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