Münchner Medientage : Ungewohnte Allianzen

Bei der Eröffnung der Münchner Medientage gibt Horst Seehofer den Revolutionär: Je weniger Regulierung, desto besser.

Jörg Seewald
Groß und klein. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer eröffnet die Münchner Medientage mit einer Absage an die Regulierungswut im Mediensektor. Foto: dpa
Groß und klein. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer eröffnet die Münchner Medientage mit einer Absage an die Regulierungswut...Foto: dpa

Horst Seehofer kam persönlich. Das Signal ist klar. Medienpolitik ist in Bayern Chefsache. Zur Eröffnung der 28. Medientage München bediente sich der bayerische Ministerpräsident verbal des gröbsten Werkzeugs. „Wenn ich allein zu entscheiden hätte, würde ich mit einem Hammer alle Hindernisse zertrümmern“, sagte Horst Seehofer mit Blick auf die Regulierungswut deutscher Behörden in Fernsehen und Internet. Er vertraue auf die Klugheit der Menschen, die sich ihre Inhalte im Netz selbst suchten. Von Beschränkungen halte er gar nichts. „Jede Fernsehschranke, die die Eltern errichteten, wird doch von den Jugendlichen noch viel schneller überwunden.“ Die Politik solle den Bedürfnissen der Menschen dienen, laute sein Credo und deswegen baue Bayern das ländliche Internet mit 1,8 Milliarden Euro Aufwand aus, während die EU dafür nur 200 Millionen zur Verfügung stelle.

Seehofer: "Ich bin Google-Fan."

Der CSU-Chef outete sich als „Google-Fan“ und fiel damit Telekom-Manager Timotheus Höttges in den Rücken, der eine Vision vom Netz 4.0 beschworen hatte, in der er die deutschen Anbieter im Verbund einer europäischen Plattform sieht, die „bodenständig und anständig“ agiert, im Gegensatz zu den amerikanischen Platzhirschen Facebook, Google und Amazon. Höttges’ Sorge ist, dass Europa zur digitalen „Kornkammer“ verkomme, die die veredelten Endprodukte teuer zurückkaufen müsse. Er sagte aber auch den denkwürdigen Satz: „Jeder ist gegen Monopole, bis er selbst eins hat.“ Der E-Reader Tolino gilt ihm da als Vorbild, den amerikanischen Giganten die Stirn zu bieten. Doch während der Telekom und weiteren europäischen Telekommunikationsunternehmen Zeit und Gewinn (Höttges: „Whatsapp kostet uns 40 Milliarden Euro Ertrag“) davonzueilen scheinen, traten viele Teilnehmer beim TV-Gipfel auf die Bremse.

Und das in erstaunlichen Allianzen. Auf einmal sitzen öffentlich-rechtliche und private Sender, das Bezahlfernsehen Sky und Produzenten wie Nico Hofmann in einem Boot, um sich gemeinsam des Ansturms der neuen Mitspieler am Fernsehmarkt zu erwehren. Während Christoph Krachten, Präsident der Mediakraft Networks, von der selig machenden Kraft der selbst gemachten Programme und Videos bei Youtube schwärmte, die von keiner Redaktion behindert werden, sprach die Allianz aus ARD/Pro Sieben Sat 1 und Sky davon, dass der „Big Screen“, der große Bildschirm daheim noch lange nicht ausgedient habe. „Eine große Mehrheit schaut noch klassisch Fernsehen, zwanzig Prozent unserer Zuschauer sind offline“, sagte der ARD-Vorsitzende Lutz Marmor. „Pro Sieben Sat 1“-Geschäftsführer Wolfgang Link beschwor die Sehnsucht der Zuschauer nach emotionalen Shows live und in Farbe, die er nicht zeitversetzt abrufen möchte.

"Nur Qualität hat Zukunft."

Produzent Hofmann setzt auf nicht durch Zuschauervoting stromlinienförmig produzierte Inhalte: „Nur die im Vorfeld umstrittenen Produktionen waren wirklich erfolgreich.“ Für das Online-Fernsehen hat die Zukunft gerade erst begonnen. Einigen konnte sich die Runde auf ein Statement: „Nur Qualität hat Zukunft.“ Einzig Moderator Klaas Heufer-Umlauf bekannte, „nach einem harten Arbeitstag eine Stunde mit toten Augen ins ARD-Lokalprogramm starren“ zu wollen.

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