Multikulti : Bedrohte Heimatstunden

Immer weniger fremdsprachige Sendungen im ARD-Radio. Nach dem Ende von Radio Multikulti in Berlin will der WDR offenbar sein türkisches Programm ausdünnen. Naht das Ende der Migrantenprogramme?

Ferda Ataman
Gastarbeiter
Hörfunkreporter interviewen den Portugiesen Amando Sa Rodrigues, der 1964 als einmillionster Gastarbeiter in die Bundesrepublik...Foto: AKG-images

Einsamkeit, Heimweh, sprachliche Isolation – das Gastarbeiterschicksal in den 60er Jahren trieb viele Einwanderer nach Feierabend an ein Radiogerät, wo sie nach Heimatsendern suchten. Schon bald entdeckten Auslandsdienste die Marktlücke und kauften Sendeplätze, um ihre Staatsbürger in der Diaspora zu erreichen. Auch der Ostblock nutzte diese Chance: Mit „Radio Berlin International“ funkte die DDR in den 50er Jahren sozialistische Propaganda etwa auf Spanisch, Portugiesisch, Persisch und Türkisch.

Etwas träger reagierten die bundesdeutschen Rundfunkanstalten auf die wachsende Zahl der Gastarbeiter. Ab 1961 tasteten sich die ersten mit Radiosendungen wie „Buongiorno, Collega“ im Bayerischen Rundfunk (BR) heran. Drei Jahre später schlossen sich die sogenannten Gastarbeitersendungen zu einem Gemeinschaftsprojekt der ARD zusammen. Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) übernahm Nachrichten für Türken und Italiener, der BR betreute das spanische und griechische Programm, der Sender Freies Berlin (SFB) lieferte unter anderem Beiträge für Jugoslawen. Was für die Deutschen die „Tagesschau“ um 20 Uhr 15 war, war fortan für viele Einwanderer ihr Gastarbeiterprogramm im Radio.

1994 wagte der SFB dann Deutschlands erste Integrationswelle: Radio Multikulti sendete tagsüber in Deutsch und abends in zwölf weiteren Sprachen, von Einwanderern, für Einwanderer. 1998 legte der WDR in Köln mit „Funkhaus Europa“ nach. Doch beide Sender kamen zu einer Zeit, in der die meisten Balkone in Einwanderervierteln von Satellitenschüsseln geziert waren – ausgerichtet nach arabischen, kurdischen oder türkischen Sendern. Der Bedarf an Informationen aus der Heimat wurde inzwischen von hunderten TV-Kanälen abgedeckt.

Dennoch geht seit kurzem ein Aufschrei durch die türkische Öffentlichkeit in Deutschland: Nachdem der RBB zu Beginn des Jahres 2009 Radio Multikulti eingestellt hat, kursiert seit Anfang November die Nachricht, der WDR wolle mehr als die Hälfte der türkischen Sendezeit wegen Programmänderungen absetzen. Zwar ist noch nicht entschieden, wie viel gekürzt wird, doch bei den bisherigen elf Stunden pro Woche wird es nicht bleiben. Voraussichtlich wird sich der WDR-Rundfunkrat im Dezember festlegen.

Seit Bekanntwerden der Nachricht sorgen sich Türken um die Zukunft der muttersprachigen Programme in Deutschland – ein aus ihrer Sicht symbolisch wertvolles Überbleibsel der Gastarbeiterära. In einer bundesweiten Aktion haben sich Persönlichkeiten und Verbände zusammengeschlossen. Unter dem Motto „Finger weg von meinem Radio“ rufen sie in türkischen Medien und Internetforen dazu dazu auf, sich bei Funkhaus-Europa-Chef Thomas Reinke zu beschweren. Hunderte von Protest-E-Mails haben Reinke bereits erreicht. Dabei fühlt sich der WDR von den wütenden Türken missverstanden. „In der Summe wird es keine Kürzungen der muttersprachigen Sendungen geben, sondern lediglich Verschiebungen“, erklärt WDR-Hörfunkdirektor Wolfgang Schmitz. Hintergrund: Der Hessische Rundfunk (HR) hat beschlossen, ab 2010 seine muttersprachlichen Sendungen einzustellen. Deren griechische und spanische Sendungen wurden auch bei Funkhaus Europa ausgestrahlt, das die beiden Sendungen behalten will. Um das zu tun, muss Funkhaus Europa Geld an anderer Stelle einsparen und will türkische Produktionen kürzen.

„Das ist eine falsche Entscheidung“, sagt Tayfun Keltek, Migrantenvertreter im NRW-Rundfunkrat. Zwar verstehe er die schwierige Lage des WDR, „aber es ist ein falsches Signal, von den wenigen Sendungen etwas zu streichen“. Das werde als Abwertung der türkischen Sprache aufgefasst. Schließlich leben allein in NRW rund eine Million türkischstämmige Einwanderer. Die Bedürfnisse dieser Gebührenzahler sollten der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt mehr wert sein.

Die WDR-Direktion ist überrascht, von der „sehr emotional geführten Diskussion“ in der türkischen Öffentlichkeit. „Muttersprachige Sendungen sind für viele Hörer eine wichtige Brücke zur Heimat“, sagt Schmitz und betont, der WDR nehme seinen Integrationsauftrag sehr ernst. Dazu gehört aus seiner Sicht vor allem das deutsche Tagessprogramm, aber auch die fremdsprachigen Sendungen seien „unverzichtbar“. Obwohl die Einschaltquoten bislang unbekannt sind.

Der Hessischen Rundfunk sieht das anders: „Muttersprachliche Programme sind nicht mehr zeitgemäß“, sagt Pressesprecher Tobias Häuser. Auch der HR hatte mit Protesten von griechischen und spanischen Zuwanderern zu kämpfen, als er die Heimatsendungen einstellte. Doch der Sender blieb dabei: „Sie dienen nicht der Integration, weil sie deutsche Sprachkenntnisse nicht befördern.“ Zudem habe sich das Umfeld drastisch verändert. Seitdem Migranten Heimatsender im Fernsehen und Internet empfangen können, seien Einschaltquoten „nicht mehr messbar“ gewesen.

Dass es sich hierbei um einen Prinzipienstreit handelt, weisen Türken zurück. Muttersprachen-Sendungen hätten nicht nur einen symbolischen Wert, sie seien der „Ausweg aus dem medialen Ghetto“, heißt es im Protestschreiben der türkischen Aktivisten. Sendungen der deutschen Rundfunkanstalten seien eine wichtige Alternative zur Konkurrenz aus der Türkei. „Wer muttersprachliche Programme in Deutschland streicht, darf sich nicht beschweren, wenn Einwanderer auf Medien aus der Heimat ausweichen“, sagt Keltek.

Eine mögliche Lösung bietet das Internetradio Multicult 2.0 – der frei organisierte Nachfolger von Radio Multikulti. Die jungen Webredakteure testen gerade eine Software, mit der muttersprachlichen Sendungen zeitgleich in zwei Varianten zu hören sind, in der Fremdsprache und im Mix mit deutschen Übersetzungen. „Es ist sehr wichtig, die Welt in den Medien so bunt wiederzugeben, wie sie ist“, sagt Brigitta Gabrin, Projekleiterin von Multicult. Doch rein muttersprachliche Sendungen könnten dazu führen, dass „Sendelöcher“ für alle anderen Zuhörer entstehen.

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