Mundgerecht nicht gleich artgerecht : Nix Bio, oder was?

Recherche über den Preis des Öko-Siegels eröffnet die Reportagen-Reihe „Exclusiv im Ersten“.

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Huhn ohne Federn. Wo „Bio“ draufsteht, steckt keineswegs immer artgerechte Tierhaltung dahinter. Foto: MDR
Huhn ohne Federn. Wo „Bio“ draufsteht, steckt keineswegs immer artgerechte Tierhaltung dahinter. Foto: MDRFoto: MDR

Tote Ferkel in ihren Exkrementen, Hühner mit blutig gescheuerten Hälsen – die Bilder sind schockierend, das Thema ist ein Aufreger: Auch auf Bauernhöfen mit Öko-Siegel gibt es Massenhaltung und Tierquälerei. Denn Supermärkte und Discounter haben das Geschäft mit dem Bio-Boom für sich entdeckt und bieten mittlerweile viele billige Bio-Produkte an. Billigangebote, die ihren Preis haben. Für die Reihe „Exclusiv im Ersten“ stellt „Fakt“-Reporter Knud Vetten heute daher die Frage: „Wie billig kann Bio sein?“

Mit versteckter Kamera geht es durch die Einkaufsregale, heimlich entstandene Schreckensbilder werden gezeigt und Supermarktkunden damit konfrontiert. Ein Agrarbiologe, der ein Buch über den „Großen Bio-Schmäh“ geschrieben hat, kommt zu Wort und ein echter Bio-Bauer. Der eigentliche Skandal, so wird schnell deutlich, ist die Tatsache, dass diese Zustände alle offiziell zulässig sind. Damit der Zuschauer auch in keinem Moment des halbstündigen Films wegschaltet, gibt es dabei immer wieder Zwischenschnitte mit wunden Schweinehintern oder traurigen Knopfaugen. Unnötig reißerisch. Denn die Politmagazine, die für die fünf abendlichen Reportagen verantwortlich sind, gehören immerhin zum öffentlich-rechtlichen Tafelsilber. „Journalismus vom Besten“, wie ARD-Chefredakteur Thomas Baumann lobpreist.

Die Reihe „ARD-exclusiv“ gibt es seit Jahrzehnten, neuerdings heißt sie „Exclusiv im Ersten“ und hat ihren festen Sendeplatz am Samstag um 15 Uhr 30. Eine Staffel im Hauptabendprogramm gibt es nun zum zweiten Mal. Wo sonst nur Zeit für einen Sieben-Minuten-Beitrag ist, kann in diesem Format ein Thema 30 Minuten lang vertieft werden. Das führt zum Teil zu Wiederholungen, aber in manchen Fällen auch tatsächlich zu einem breiteren Spektrum oder zu einem längeren Atem. Wie etwa bei dem Film „Vier Wochen Asyl – Ein Selbstversuch mit Rückkehrrecht“ (13.9.). Hier zieht ein Reporterteam des RBB-Politmagazins „Kontraste“ für vier Wochen in ein Asylbewerberheim irgendwo in Deutschland, um die Lebensbedingungen dort zu dokumentieren. Neben dem schimmligen Bad und der unerträglichen Enge ist es vor allem das untätige Warten, das die Menschen zermürbt. In all dem werden die Journalisten teilweise als Betreuer vereinnahmt, organisieren Medikamente und helfen bei schriftlichen Angelegenheiten. Nicht zuletzt lernt der Zuschauer einen verzweifelten Bürgermeister und Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen kennen, der mit den 6 Euro 50 pro Asylant in der Gemeinde nicht über die Runden kommt.

Auch typische Presenter-Reportagen sind dabei, das heißt, Filme, bei denen ein empörter Reporter durch den Behördendschungel stapft, für Opfer kämpft und sich bei seinen hartnäckigen Recherchen immer wieder die Tür vor der Nase zuschlagen lässt. So etwa bei „Die Nein-Sager – Die Macht der Versicherungskonzerne“ (4.9.), wo Christoph Lütgert die Tricks deutscher Versicherungen anprangert. Der Ex-Chefreporter des NDR, der mit Reportagen wie „Die KIK-Story“ und „Der Drückerkönig und die Politik – Die schillernde Karriere des Carsten Maschmeyer“ für Furore sorgte, ist auch hier wieder im Namen der Entrechteten und Geprellten unterwegs. Das ist wichtig und verdienstvoll, aber man wünscht sich, er möge einmal darauf verzichten, fassungslos in die Kamera zu fragen: „Wer schützt die Opfer?“ Die anderen Reportagen, in der Türen zugeschlagen und Kameraobjektive zugehalten werden, sind „Die Einflüsterer – Wie Geld Politik macht“ (10.9.), bei der sich ein „Monitor“-Team des Lobbyismus in Berlin annimmt, und „Das schmutzige Geschäft mit Schrottimmobilien“ aus der „Report-Mainz“-Redaktion (17.9.). Simone Schellhammer

„Wie billig kann Bio sein?“, 21 Uhr 45, ARD

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