Musikstreaming im Test : Lass dich überraschen

Neue Funktionen, zusätzliche Inhalte – im Wettbewerb von Musikstreamingdiensten gewinnt vor allem einer: der Verbraucher. Ein Alltagstest.

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Bei der Arbeit, während des Pendelns, in der Freizeit: Mit immer besseren Vorschlägen werben die Musikstreamingdienste für sich.
Bei der Arbeit, während des Pendelns, in der Freizeit: Mit immer besseren Vorschlägen werben die Musikstreamingdienste für sich.Foto: Spotify

Musik allein reicht nicht mehr aus: Aus Musikstreamingdiensten wie Spotify und Deezer werden multimediale Gemischtwarenläden. Die Größe der Musikkataloge liegt bei den großen Anbietern Spotify, Google Play Music, Napster und Deezer überall jenseits der 30 Millionen Songs. Bis auf wenige Ausnahmen finden sich die meisten Künstler dort oder beim Newcomer Tidal (siehe Kasten) wieder. Zuletzt haben sich die Anbieter Spotify und Deezer, die sich auch beim Geschäftsmodell stark ähneln, besonders beharkt. Für Einsteiger gibt es einen kostenlosen Zugang, allerdings wird die Musik dann alle paar Titel von Werbung unterbrochen. Die mobile Nutzung ist dabei genauso limitiert wie die Klangqualität. Wer das nicht möchte, zahlt bei Spotify 9,99 Euro (für Studenten und Familien werden Rabatte angeboten) und bei Deezer 9,90 Euro im Monat für die Flatrate. Bleibt somit die Frage: Worin unterscheiden sich die beiden Streamingdienste?

Nun mit Podacasts und Videos


Kurz vor dem für Anfang Juni erwarteten Start von Apples Streamingdienst haben die beiden Konkurrenten ihren Funktionsumfang erweitert. Für Musikfreunde, die auf High-End-Qualität Wert legen, bietet Deezer seit Kurzem das HD-Abo Elite für einen Aufpreis von fünf Euro an. Dabei kommt das verlustfreie Audiokompressionsverfahren Flac zum Einsatz. Besser kann man Streaming-Musik derzeit nicht genießen. Derzeit funktioniert das allerdings nur in Kombination mit einer Sonos-Anlage. In dieser Woche hat Spotify nachgelegt und sein Angebot um Videos und Podcasts erweitert. Partner wie MTV, Vice, Comedy Central oder in Deutschland der Youtube-Lieferant Mediakraft, Deutschlandradio und Bayerischer Rundfunk sind mit ihren multimedialen Angeboten nun auch in Spotify vertreten. Der Mehrwert für die Nutzer liegt darin, dass man diese Unterhaltungsangebote nun ohne Umwege erreichen kann. Für die Musiknutzer wichtiger ist hingegen das neue Empfehlungssystem, das Musikvorschläge nicht mehr nur nach Genres oder Epochen, sondern nach Stimmungen und Situationen des Tages macht. Sportlich aktive Nutzer erhalten zudem passend zu ihrem Work-out die Musik mit dem richtigen Tempo, wobei das Smartphone den sportlichen Takt ermittelt.

Wichtig: Die mobile Nutzung


Bei allen neuen Features ein wichtiges Kriterium für die Güte von Streamingdiensten ist die Verfügbarkeit im Offline-Modus: unterwegs Musik hören, ohne das Datenkontingent zu verbrauchen. Die Frage ist: Wo wird die heruntergeladene Musik abgelegt? Interne Speichermöglichkeiten gängiger Smartphones sind trotzt vier, sechs oder acht Gigabyte schnell erschöpft, schon ist man gezwungen, die gewünschte Musik im Online-Modus zu hören. Hier hat Deezer eine einfache Lösung. Der Dienst fragt beim Download von Musiktiteln nach der Wahl des Speicherortes: externe SD-Karte bevorzugt. Bei Google Play Music ist die Wahl des externen Speicherortes erst ab Android 4.4. vorgesehen. Bei Spotify wiederum braucht es einen Trick, um auf der externen SD-Karte Musikdaten abzulegen. Es muss dafür gesorgt werdene, dass die externe Karte über mehr freie Kapazität als der interne Speicher verfügt. Nur so landet die eigene Musiksammlung später auf der Karte. In einem Punkt liegen Spotify und Google Play Music allerdings sowohl in der mobilen als auch in der Computernutzung vor Deezer. Erstere bieten den beliebten Shuffle-Modus an, also das Abspielen aller Titel im Zufallsmodus, Deezer kann das (noch) nicht. An einer Version des Überraschungs-Modus werde gearbeitet.

Hunderte Hörbücher


Zurück zu den Neuerungen. Spotify und Deezer unterhalten ihre Nutzer nicht nur mit Musik, sondern auch mit Hörbüchern. Das Angebot ist bei beiden Diensten einigermaßen umfangreich, dass jedoch große Teile der „Spiegel“-Bestsellerliste zu finden sind, stimmt nicht. Eine Stichprobe mit der letzten Bestsellerliste ergab, dass von 40 Büchern der Kategorien Belletristik und Sachbuch bei Spotify gerade einmal drei und bei Deezer vier Titel zu finden waren. Immerhin gab es bei beiden Diensten von 15 Autoren aus der Liste andere, ältere Titel. Die Nutzung der Hörbücher ist zudem nicht ganz trivial. Beide Dienste pflegen Hörbuch-Listen. Bequemer wäre freilich, das Genreprinzip auf Hörbücher zu erweitern mit der Möglichkeit, diese nach Sprache zu filtern. Bei Deezer gibt es beispielsweise Listen mit Neuheiten, Bestsellern und der Kategorie Humor, bei Spotify gibt es unter anderem die Listen für Alle Titel, Neuheiten oder Spannung. Für Hörbuch-Neulinge bieten die Listen sicherlich viele Anknüpfungspunkte, die die Entscheidung für ein Abo bei den Diensten erleichtern. Bei der Anzahl der Hörbücher liegt Spotify vor Deezer. Wer jedoch seit Längerem reine Hörbuchangebote wie Audible nutzt, wird vor allem viele alte Bekannte wiederfinden. Überdies wäre es wünschenswert, wenn Spotify und Deezer mehr Hörbücher für Kinder anböten.

Tidal: Teure Qualität

Obwohl er bislang noch ein Nischenprodukt ist, drängt ein Streaming-Service derzeit ständig in die Schlagzeilen: der Dienst Tidal des Rappers JayZ. Der Musiker hatte ihn gekauft und im März gemeinsam mit mehreren Künstlern wie Madonna, Kanye West, Rihanna, Daft Punk und Alicia Keys einen Relaunch gestartet. Tidal ist damit der erste Dienst, an dem diverse Stars persönlich beteiligt sind. Zudem wirbt mit Tidal mit der Soundqualität seines Angebots. Wer unbegrenzt Musik im verlustfreien Flac-Format streamen möchte, das weit über der Standard-Qualität von 320 KBit/s liegt, zahlt im Monat 19,99 Euro. Tidal bietet aber auch eine Basisversion mit geringerer Soundqualität für die Hälfte an. Musikempfehlungen, Hintergrundartikel und Interviews mit den Künstlern stehen den Nutzern in beiden Fällen zur Verfügung, außerdem eine Musikerkennungsfunktion ähnlich der App Shazam. Songs und Alben können auf mehreren Geräten offline gehört werden. Der Dienst ist mittlerweile in 31 Ländern verfügbar.

Fazit: Kein wirklicher Sieger

Ein wirklich eindeutiger Sieger ist derzeit nicht auszumachen, vor allem, weil niemand sagen kann, ob, wann und mit welchem Angebot Apple starten wird. Im Vergleich Spotify gegen Deezer liegen die Schweden in puncto Innovationstempo und Empfehlungsfunktion leicht vor den Franzosen, die mit der Mobilnutzung und der Flac-Audioqualität punkten. Bei den Hörbüchern bietet Spotify etwas mehr Auswahl, allerdings würde sich dieser Vorsprung in Luft auflösen, wenn Audible sein Streamingangebot Richtung Flatrate umbaut. Ob Videos und Podcasts entscheidend sind, kann bezweifelt werden. „Wir brauchen nicht noch mehr Dienste, die alles anbieten wollen“, wird die neue Strategie im Netz bereits kritisiert. Anders gesagt: Man muss Youtube nicht neu erfinden.

Welcher Dienst mit den individuellen Vorlieben am besten harmoniert, stellt man ohnehin am besten während der kostenlosen Probezeit fest. Insgesamt ist es nach wie vor unglaublich, dass man für zehn Euro im Monat so gut wie jederzeit und überall auf so gut wie jedes Musikstück zugreifen kann, das einem einfällt oder das man entdecken kann.

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