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Nach ARD-Reportage : Amazon will Vorwürfe wegen Leiharbeiter-Beschäftigung prüfen

Ob #Aufschrei oder die diversen Plagiatsaffären: Immer häufiger finden Netzdebatten ihren Weg in klassische Medienberichterstattung. Nun ist eine ARD-Doku über Amazon Auslöser für eine solche Erregungswelle. Es ist nicht die erste Kritik an den Arbeitsbedingungen bei Amazon.

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"Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon“ heißt der Titel der ARD-Reportage, die nun für starke Empörung in den sozialen Netzwerken sorgt.
"Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon“ heißt der Titel der ARD-Reportage, die nun für starke Empörung in den sozialen Netzwerken...Foto: dpa

„Ausgeliefert!“ heißt der Titel der ARD-Reportage, die für Empörung in den sozialen Netzwerken sorgt. In der Dokumentation begleiten Diana Löbl und Peter Onneken während des Weihnachtsgeschäftes mit versteckter Kamera Leiharbeiter im Amazon-Versandzentrum. Der am späten Mittwochabend ausgestrahlte Fernsehfilm zeigt unter anderem, wie Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma die oft aus dem Ausland stammenden Leiharbeiter und das Film-Team bedrängen. Auch die Gewerkschaft Verdi wirft dem Konzern seit längerem vor, gerade Saisonkräfte schlecht zu bezahlen und etwa mit strengen Kontrollen und Überwachung zu gängeln. Amazon selbst will nun den Vorwürfen nachgehen.
Der Online-Riese beschäftigt nach eigenen Angaben in Deutschland etwa 7700 festangestellte Mitarbeiter in den Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim und Koblenz. „In der Weihnachtssaison stellen wir zusätzliche Amazon-Mitarbeiter saisonal befristet ein“, teilte Amazon am Donnerstag in München auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa mit. In Spitzenzeiten arbeite Amazon mit Zeitarbeitsfirmen zusammen. Im ersten Jahr verdienten Mitarbeiter einen Bruttostundenlohn von mehr als 9,30 Euro. Danach steige der Bruttolohn auf über 10 Euro.

Die ARD-Reportage kritisiert unter anderem die herrschenden Arbeitsbedingungen, schlechte Vertragskonditionen und die Verbindung des Versandhandels zu fragwürdigen Subunternehmen. Und sie erhebt schwere Vorwürfe: „Die Reportage soll aufdecken, was sich hinter der Fassade von Amazon.de verbirgt und wer dafür zahlt, dass die schöne neue Warenwelt des Internethändlers so billig zu haben ist“, heißt es in der Kurz-Info in der ARD-Mediathek. Mehrere hunderte Mal ist dieser Beitrag bereits auf Facebook, unter anderem auch auf der Amazon-Seite, geteilt worden.

Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon - Die ARD-Reportage

Bereits während der Ausstrahlung im Ersten explodierten die Beiträge auf der deutschen Amazon-Facebookseite: „Und da soll ich weiterhin Kunde sein?“, ist die Frage, die massenhaft Nutzer öffentlich stellen. Die mäßigenden Stimmen halten sich in Grenzen. Stattdessen vertrauen die empörten Nutzer der ARD und wiederholen die Inhalte der Reportage meist unreflektiert. „Amazon sollte sich mal zu dem Bericht äußern und das Gegenteil beweisen, aber das können sie wahrscheinlich nicht, weil es sehr wahrscheinlich der Wahrheit entspricht, was dort gezeigt wurde“, schreibt beispielsweise Karsten Dornemann auf der Facebook-Seite.
Der Amazon-Experte der Gewerkschaft Verdi, Heiner Reimann, sagte, das Unternehmen werbe viele Zeitarbeiter mittlerweile im Ausland an, da in der Umgebung der Logistikzentren viele Arbeitskräfte bereits schlechte Erfahrungen gemacht hätten und nicht mehr dort arbeiten wollten. Seinen Angaben zufolge setze Amazon in der Weihnachtszeit mehrere tausend Zeitarbeiter ein, die oft in der Umgebung in im Winter leer stehenden Ferienparks untergebracht würden. Manchmal seien kleine Bungalows mit bis zu sechs Menschen belegt. In den Anlagen würden die Arbeiter zudem von Sicherheitsfirmen überwacht.

Im Film wird berichtet, dass Sicherheitsleute zum Beispiel Unterkünfte von Zeitarbeitern durchsucht hätten. „Auch wenn das Sicherheitsunternehmen nicht von Amazon beauftragt wurde, prüfen wir derzeit selbstverständlich den von den Redakteuren gemachten Vorwurf bezüglich des Verhaltens des Sicherheitspersonals und werden umgehend geeignete Maßnahmen einleiten“, heißt es in der Stellungnahme von Amazon dazu. Man dulde „keinerlei Diskriminierung oder Einschüchterung“.
Auch überprüfe Amazon Dienstleister, „die die Unterbringung von Saisonkräften aus anderen Regionen verantworten, regelmäßig“. Reimann sagte, die Zustände bei Amazon seien ein „Dauerproblem“, auch im Branchenvergleich. Es gebe in anderen Versandfirmen ebenfalls Missstände, aber nicht in diesem Ausmaß. Dennoch habe Amazon durchaus auch auf Beschwerden reagiert und Mängel abgestellt. Allerdings bleibe angesichts des Geschäftsmodells dem Konzern kaum etwas anderes übrig, als befriste Mitarbeiter oder Zeitarbeiter einzusetzen.

Etliche Nutzer drohen in ihren Beiträgen mit Vertragskündigung. „Das ist ja wohl das allerletzte, wie dort mit Menschen umgegangen wird. Für mich war es das mit Amazon.“ Bei Facebook wird auf die Vorwürfe bisher nicht öffentlich reagiert. Stattdessen werden besonders kritische Beiträge kommentarlos entfernt und vom Unternehmen Produkthinweise gepostet.

Zuletzt hatten „analog“ aufgeworfene Themen am ehesten Proteste im Netz ausgelöst, wenn diese Berührungspunkte zu digitalen Befindlichkeiten hatten - etwa die Diskussion über „Zensursula“ oder die Debatte um das Leistungsschutzrecht. Mediale Entrüstung ist jedoch meist nicht von langer Dauer. Die verheerende Brandkatastrophe in einer Textilfabrik in Bangladesch führte im November 2012 zuletzt zu einer hitzigen Debatte über Sozial- und Sicherheitsstandards in Fabriken. Wenige Monate später ist von den anfänglichen Protesten, beispielsweise gegen die Abnehmer C&A und kik, nicht mehr viel zu hören.

Bei Amazon befindet sich die Entrüstung noch im Anfangsstadium. Mit dem klassischen Schneeballeffekt verbreitet sich die Nachricht über weitere soziale Kanäle wie Twitter immer weiter. Ob sie nachhaltig sein wird oder ob die Empörung gegenüber Amazon - wie so viele andere Diskussionen vorher - einen relativ kurzen Aufmerksamkeitszyklus durchlaufen wird, muss sich zeigen.

(mit dpa)

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