Nach dem Insolvenzantrag : Die „Rundschau“ im Aus? Eine Verlustanzeige

Die "FR" war nicht nur eine wichtige Stimme des Linksliberalismus in Nachkriegsdeutschland, sondern in Hessen über Jahrzehnte eine unbestrittene Größe. Von Hermann Rudolph

Auch eine Zeitung ist ein Lebewesen, mit einer Physiognomie, einer Geschichte. Fehlte dem Zeitung lesenden Deutschland etwas, wenn die Möglichkeit sich konkretisierte, dass die "Frankfurter Rundschau" das Zeitliche segnet? Ihr Verschwinden nähme dem Spektrum der Meinungen und Ansichten jedenfalls eine ausgeprägte politische Farbe. Aber wäre das wirklich alles, wenn das Frankfurter Traditionsblatt dahinschiede? Dann könnte man sich beim Wandel der politischen Milieus in der Bundesrepublik auch fragen, was da verloren ginge.

Doch, die „Frankfurter Rundschau“ gehört als zweite Nachkriegsgründung – Ersterscheinen 1.August 1945 - zu den Ecksteinen der deutschen Nachkriegspresse. Und das Blatt mit der grünen Schmuckfarbe verdankte seinen Ruf auch seiner Rolle als eine der großen Regionalzeitungen. Zumal für Frankfurt und sein hessisches Umfeld war sie über die Jahrzehnte hinweg eine unbestrittene Größe. Denn die „FAZ“, ihre Gegenspielerin im Rhein-Main-Ballungsraum, trat – was leicht vergessen wird – erst 1949 auf den Plan, und das mit dem Anspruch, „Zeitung für Deutschland“ zu sein. Das lenkt den Blick darauf, dass sie nicht die Zeitung für Frankfurt und Hessen war und sein wollte: Das war die „Rundschau“.

Im vollen Sinn des Begriffes. Der Frankfurter Lokalgeist, diese selbstbewusste Mischung aus reichsstädtischem Erbe und hessischer Gemütlichkeit, spiegelte sich in ihren Spalten. Sie sprach hessisch – was man von der „FAZ“ beim besten Willen nicht sagen konnte. Über die halbe Nachkriegszeit beherrschte sie auch den lokalen Markt, während die „FAZ“ ihre überregionale Ausrichtung erst spät lokal und regional untermauerte und die „Frankfurter Neue Presse“, Dritter im Bunde, sich vor allem ins Umland ausdehnte. Die „Rundschau“ verstand sich auf die Ansprache lokaler Regungen und die Aktivierung der Leser. Dazu kam mit dem Verleger Karl Gerold eine originell-skurrile Bezugsgestalt, die die die liberal-soziale Linie hielt und sich zudem als Volksmann präsentierte.

Der Verlust betrifft, gewiss doch, eine Bastion des Linksliberalismus in der deutschen Zeitungslandschaft. Aber der ist auch nicht mehr das, was er war, als in den sechziger Jahren Karl-Hermann Flach als stellvertretender Chefredakteur im Rundschauhaus an der Großen Eschersheimer Straße den Ton angab - erzliberal, aber frei von der radikalen Unbeirrbarkeit, die sich heute oft in den Spalten des Blattes findet. Vielleicht war auch schon der Auszug aus diesem eleganten Fünfziger-Jahre-Bau vor sieben Jahren der Sündenfall. Denn mit ihm verließ die Zeitung den urbanen Raum und die Geschichte, zu denen sie gehörte. Zu beklagen wäre das Verschwinden nicht nur einer Zeitung - was immer zu bedauern ist -, sondern eines Zeitungscharakters. Er brachte es in seinen besten Zeiten fertig, Journalismus auf hohem überregionalem Niveau mit dem Leben aus der Stadt und der Region zu verbinden. Ein solches, rares Exempel wird nicht zu ersetzen sein.

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