Nachruf : Der Menschenversteher

Mit außergewöhnlichem Talent: Dieter Pfaff, einer der beliebtesten deutschen Schauspieler, ist tot. Sein letzter Film ist vielleicht sein bester.

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Späte Karriere. In Rollen wie „Bloch“, Kommissar Sperling, „Der Dicke“ oder auch als Hans-Dietrich Genscher zeigte Pfaff sein außergewöhnliches Schauspieltalent. Foto: dpa
Späte Karriere. In Rollen wie „Bloch“, Kommissar Sperling, „Der Dicke“ oder auch als Hans-Dietrich Genscher zeigte Pfaff sein...Foto: dpa

Es gibt eine Szene im neuen „Bloch“, der nächste Woche in der ARD ausgestrahlt werden soll, die besonders nachgeht. Da steht der Psychologe Bloch, dargestellt von Dieter Pfaff, im Schlafanzug nachts in der Küche. Er fragt seine Lebensgefährtin Clara (Ulrike Krumbiegel), ob sie bei ihm bleibe, nachdem sie doch einen anderen Mann kennengelernt hat. Ja, sagt Clara. Blochs Kopf fällt ihr auf die Schulter, die Leibesfülle dieses grandiosen Schauspielers ist vor lauter Fragilität und Hilflosigkeit in den Armen der kleinen Frau vergessen. Selten hat man Dieter Pfaff so verletzlich gesehen, gerade auch in seiner Paraderolle als unkonventioneller Psychotherapeut, der jedes noch so knifflige Problem löst.

Etwas Besonderes – vielleicht ist es auch das Wissen um die Krankheit, die der Schauspieler zum Zeitpunkt der Dreharbeiten im vergangenen Spätsommer im Körper gehabt haben muss. Mit dieser Rolle des „Bloch“ hat sich Pfaff einen früheren Berufswunsch erfüllt, wie er mal in einem Interview sagte. Darauf hatte nichts hingedeutet. Dieter Pfaff wurde am 2. Oktober 1947 in Dortmund als Sohn eines Polizisten geboren. Als Kind liebte er die Schlager der 1950er Jahre, lernte sie auswendig und sang vor Publikum. Eine musikalische Leidenschaft, die ihn auch später zur Gitarre greifen ließ.

Dieter Pfaff verließ sein Elternhaus früh und näherte sich seinem Vater erst wieder nach der Geburt seiner beiden Kinder an. Er bedauerte den frühen Tod seines verbitterten Vaters im Alter von 58 Jahren, zu dem er ein intensives, aber auch schwieriges Verhältnis hatte. Vielleicht auch das eine Wurzel des Psychologisierens. Nach abgebrochenem Lehramtsstudium nahm er mit 22 sein erstes Engagement als Regieassistent am Theater Dortmund an. Bis zum 35. Lebensjahr war Pfaff Dramaturg, später auch Autor und Regisseur in diversen Häusern.

Ein politischer Mensch war er: Der Schauspieler zählte sich zu den aktiven 68ern, die sich jedoch auf der Suche nach neuen Lebensmodellen überforderten und dabei beinahe scheiterten. Pfaff hielt die Geschichte seiner Generation für unaufgearbeitet – entgegen den Idealisierungen seiner Zeitgenossen. „Was ich mir als Achtundsechziger bis heute bewahrt habe, ist ein Misstrauen den Autoritäten gegenüber“, sagte er.

Was kein Hindernis für eine Film- und Fernsehkarriere sein muss. Grimme- Preis für die RTL-Mönchsserie „Bruder Esel“, Bayerischer Fernsehpreis für „Sperling und der brennende Arm“, eine schlechte Produktion ist hier kaum in Erinnerung, angefangen Mitte der 1980er als Polizist Otto Schatzschneider unter Regisseur Dominik Graf im „Fahnder“. In Rollen wie „Bloch“, Kommissar Sperling, „Der Dicke“, alles Menschenversteher oder auch als Hans-Dietrich Genscher in „Im Schatten der Macht“ zeigte Pfaff sein außergewöhnliches Schauspieltalent. Nicht unbedingt ein „Volksschauspieler“, sicher ein Publikumsliebling. Ein Beweis dafür, dass sich Quote und Qualität im Fernsehen nicht ausschließen müssen.

Und dass große Schauspieler öffentlichkeitsscheu sein dürfen, sein können. Pfaff lebte mit seiner Frau Eva-Maria und seinen Zwillingskindern Maximilian und Johanna mit deren Familien im Mehrgenerationenhaus in Hamburg-Altona. Er engagierte sich als Unicef-Sonderbotschafter gegen den Einsatz von Kindersoldaten. Im Herbst 2012 war bei dem langjährigen Raucher Lungenkrebs festgestellt worden. Im Februar noch hatte er der „Bild am Sonntag“ nach Chemotherapien und Bestrahlungen gesagt: „Der Krebs ist weg.“ Nach Angaben seiner Agentin wollte Pfaff in wenigen Wochen für die fünfte Staffel der ARD-Reihe „Der Dicke“ drehen, in der er als schlitzohriger Anwalt Gregor Ehrenberg für Gerechtigkeit kämpfte, vor allem für kleine Leute.

Dazu kommt es nicht. Der 65-Jährige starb am Dienstagmorgen zu Hause im Kreis seiner Familie, wie seine Agentin am Mittwoch bestätigte. „Ich habe damit überhaupt nicht gerechnet.“ „Mit Dieter Pfaff verlieren wir einen herausragenden und populären Schauspieler“, sagte WDR-Intendantin Monika Piel, „eine der beeindruckendsten Persönlichkeiten im deutschen Fernsehen und Film.“

„Der Dicke“, ARD, 20 Uhr 15; „Unser Pappa – Herzenswünsche“, NDR, 22 Uhr 15; „Sperling und die Katze in der Falle“, ZDF, 0 Uhr 45

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