Nachruf : Fernsehen ist Zeitgenossenschaft

Verarbeitung deutscher Geschichte: Der Regisseur und Autor Eberhard Itzenplitz ist gestorben.

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Eberhard Itzenplitz, 1926 – 2012. ]Foto: dpa/ ]
Eberhard Itzenplitz, 1926 – 2012. ]Foto: dpa/ ]Foto: dpa

Vergangenheit war für Eberhard Itzenplitz immer nur gerade vollendete Gegenwart. Dieser Regisseur dachte in Bögen und nicht in Blöcken. In seinen Fernsehfilmen und Fernsehspielen hat er Geschichte – nazi-deutsch, westdeutsch, ostdeutsch, deutsch-deutsch – gewendet, betrachtet und verarbeitet. Geschichten von Menschen, Geschichten über Menschen, was Geschichte mit ihnen machte, wie sie Geschichte machten. In „Die Mitläufer“ von 1983 griff er den Alltag des sogenannten kleinen Mannes im NS-Staat auf, in „Für’n Groschen“ (1983) oder „Schwarzenberg“ (1989) zeigte er die Nachkriegsjahre in der damaligen Ostzone. „Schwarzenberg“ fußte auf dem Roman von Stefan Heym, wie „Die neuen Leiden des jungen W.“ (1976) dem Werk von Ulrich Plenzdorf folgte.

Schriftsteller, zumal aus der DDR, vertrauten dem Regisseur und Autor Itzenplitz, in dem auch Könner des anspruchsvollen Drehbuchs wie Oliver Storz („Prüfung eines Lehrers“, 1968/„Das tausendunderste Jahr“, 1979) oder Wolfgang Menge („Die Dubrow-Krise“, 1969) ihren kongenialen Inszenator sahen. Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ erzählte er 1986/87 in fünf Teilen.

1970 traute sich Itzenplitz ein Drehbuch von Ulrike Meinhof zu verfilmen: „Bambule“, die kritische Schilderung repressiver Erziehungsmethoden in einem Mädchenheim. Die Produktion des Südwestfunks kam wegen der RAF-Verstrickung Meinhofs sofort in den Giftschrank und wurde erst 1994 ausgestrahlt. Wie nur wenige Arbeiten von Itzenplitz übertrumpfte das gesellschaftliche Planspiel den filmischen Impetus. Aber das war seine Kraft: Eberhard Itzenplitz verstand sich als filmender Zeitgenosse und nicht als filmischer Mitläufer.

Seine Biografie war Ost-West. Itzenplitz, der aus einem alten brandenburgischen Geschlecht stammte, wurde 1926 in Holzminden geboren und wuchs in Sachsen auf. Nach dem Abitur 1943 in Berlin wurde er eingezogen und geriet in russische Gefangenschaft. Nach dem Krieg studierte er in München und Göttingen Germanistik, Kunstgeschichte, und promovierte 1953 über die Bühnenbilder zur Goethe-Zeit. Er hat bei Heinz Hilpert im Theater gelernt, er hat danach selber vielfach inszeniert, er war unter anderem Regieassistent im Filmatelier von Karl Ritter und William Dieterle. Eberhard Itzenplitz hatte exzellente Lehrmeister, und er wurde ein exzellenter Mitarbeiter des Filmfernsehens, insbesondere des ZDF. Auch serielle Produkte wie „Tatort“, „Derrick“ und „Der Alte“ profitierten von seiner Handschrift.

Eberhard Itzenplitz ist, wie jetzt erst bekannt wurde, am vergangenen Samstag in München gestorben. Er wurde 85 Jahre alt.Joachim Huber

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