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"Neo Magazin Royale" : Böhmermann überrascht mit dem #Verafake

Ein Coup gleich in der ersten Sendung nach Erdogan: Jan Böhmermann schleust Kandidaten bei "Schwiegertochter gesucht" ein. Das "Schmähgedicht" kommentiert vor allem sein prominenter Studiogast.

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Studiogast Gregor Gysi ging als Einziger näher auf die Erdogan-Affäre ein.
Studiogast Gregor Gysi ging als Einziger näher auf die Erdogan-Affäre ein.Screenshot: Tsp

Nach wochenlanger Pause ist Jan Böhmermann zurück auf ZDFneo, und streitlustig wie zuvor. Zu seinem Comeback präsentiert der umstrittene Moderator ein Meisterstück der investigativen Satire: In Zusammenarbeit mit zwei Schauspielern wurde die RTL-Trash-Sendung „Schwiegertochter gesucht“ gekapert. Kandidat „Robin“ samt seines vermeintlichen Vaters lassen sich zu einem 30-tägigen Drehtermin verpflichten – für 150 Euro.

Dass beide keine gültigen Ausweisdokumente vorlegen können und der Vater offensichtlich ein Alkoholproblem hat, geschenkt. Die Sendung ging on Air. RTL samt seiner „Schwiegertochter gesucht“-Moderatorin Vera Int-Veen sind maximal bloßgestellt. Daher auch das Hashtag der Woche: #Verafake. RTL reagierte am Abend knapp, und zwar ebenfalls via Twitter: Man werde sich der Sache annehmen und mit dem Produzenten sprechen. "Update folgt!"

Zu den juristischen Scherereien rund um das „Schmähgedicht“ gegen den türkischen Staatspräsidenten Erdogan verlor Böhmermann indes nicht mehr als ein paar Halbsätze und Anspielungen. Er habe schlechte Erfahrung mit Gags gemacht, diese verstießen oft gegen die Menschenwürde. Daher würde er sich fortan auch Witze gegen Adolf Hitler klemmen.

Schließlich wolle er nicht riskieren, dass ihm diese als Störung der Totenruhe ausgelegt würden. Fast wie zum Trotz verlas er anfangs – wie zuvor angekündigt – Witze von Zuschauern, die er angeblich mit 103 Euro pro Stück vergütet.

Gysi plädiert für Freispruch

Es war Studiogast Gregor Gysi, der das Thema auf den Moderatorentisch legte. Das Gedicht sei „nicht schön“ gewesen, sagte der ehemalige Linken-Fraktionsvorsitzende. Es habe alle Vorurteile bedient. Ein Vorwurf, den Böhmermann nicht zum ersten Mal hört. Dennoch habe der türkische Präsident nicht souverän gehandelt, indem er einen Strafverfolgungsantrag gestellt habe.

Auch er, Gysi, werde fortwährend beleidigt und lasse sich zu solch einem Schritt nicht hinreißen. Die Zustimmung, die Böhmermann und sein „Neo Magazin Royale“ in den vergangenen Wochen erfahren haben, habe allerdings einen Grund gehabt. Erdogan mache eine „Scheißpolitik“. Auch mit Kritik an Bundeskanzlerin Merkel sparte Gysi nicht.

Erst gebe diese Erdogan die Möglichkeit, den Fall Böhmermann vor Gericht zu bringen, um hinterher den Straftatbestand verbieten zu lassen. „Intern würde ich Ihnen die Meinung geigen, da kämen Sie gar nicht gut bei weg“, fügte er an. „Nach außen, wenn ich Ihr Anwalt wäre, würde ich den Freispruch fordern.“

Bereits Stunden vor Ausstrahlung der Sendung sorgte ein CDU-Politiker für neuen Gesprächsstoff rund um das Erdogan-Gedicht. Der Bundestagsabgeordnete Detlef Seif hatte im Parlament das komplette „Schmähgedicht“ vorgelesen. Die Oppositionsfraktionen hatten im Vorfeld Anträge vorgelegt mit dem Ziel, den sogenannten Majestätsbeleidigungsparagrafen sofort zu streichen – und nicht erst – wie von Kanzlerin Angela Merkel angestrebt – im Jahr 2018.

Seif hatte nach eigenen Angaben dagegen protestieren wollen. Böhmermann reagierte auf Twitter. Er wisse nicht, was er als Wähler schlimmer finde: „Wenn ein MdB Crystal Meth nimmt oder das Schandgedicht öffentlich im Parlament vorträgt!“ Damit spielte er auf den Grünen-Politiker Volker Beck an, der Anfang März mutmaßlich mit Drogen erwischt wurde. Er beantrage „die Aufhebung der Immunität des CDU-Abgeordneten Detlef Seif wegen Verstoßes gg. §103 StGB“.

Jan Böhmermann hat sich von seiner „kleinen Fernsehpause“ offenbar bestens erholt. Ob er in den kommenden Sendungen noch einmal intensiver auf die Erdogan-Affäre eingehen wird, ist fraglich. Momentan stehen die Zeichen eher auf „business as usual“. Und das, so dürften es viele seiner Fans sehen, ist gut so.

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