Netzwerk Recherche : Fragen nach der Zukunft des Journalismus

Twitter, Facebook, Paywall und eine zweifelhafte Ehre für Innenminister Hans-Peter Friedrich auf der Jahrestagung vom Netzwerk Recherche.

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Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich.
Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich.Foto: dpa

„Schlechte Zeiten! Gute Zeiten! Aufbruch im Umbruch“ Zum 11. Mal veranstaltete der Journalistenverband Netzwerk Recherche unter diesem Motto am Wochenende seine Jahrestagung beim NDR in Hamburg. Viele Debatten drehten sich um die Krise und den Strukturwandel im Journalismus. In den rund 100 Podiumsdiskussionen und Werkstattberichten ging es um neue Geschäftsmodelle, alte Tugenden und junge Zielgruppen. Rund 900 Journalisten und solche, die es werden wollen, versammelten sich zu einer Mischung aus Handwerksmesse und Selbsterfahrungsgruppe, die am Ende für den nötigen Motivationsschub sorgte.

„Noch nie gab es so viel guten Journalismus wie heute“, sagte Armin Wolf, der stellvertretende ORF-Chefredakteur in seinem Auftakt-Vortrag „Traumjob Journalist“. Auch wenn auf der anderen Seite der Trash mindestens genauso zugenommen habe. Das Sortieren der Welt sei daher noch nie so schwierig und so wichtig gewesen wie derzeit. Unter dem Motto „Fürchtet euch nicht!“ warb er dafür, etwa die Chancen von Twitter als Informationskanal zu nutzen und nicht aufzuhören, die Löcher in den Käse zu bohren, den die Politiker machten. Kein Verständnis hatte Wolf für Verlagsmanager, die bei Renditen unter 15 Prozent drakonische Sparprogramme starteten. Und eigentlich sei es unglaublich, dass die Verlage auch nach so vielen Jahren mit dem Internet immer noch kein Geschäftsmodell gefunden hätten.

Dieses Thema behandelte auch Cordt Schnibben im Vortrag „Mein Kopf gehört mir – Warum wir die Zukunft des Journalismus nicht den Verlegern überlassen dürfen“. Der „Spiegel“-Redakteur widmet sich seit einiger Zeit der Suche nach digitalen Strategien für das altehrwürdige Nachrichtenmagazin. Dabei hat der 61-Jährige offenbar den Tablet-Computer als zukunftsweisende Möglichkeit entdeckt. Doch zunächst referierte er in einer Powerpoint-Präsentation darüber, wo die Werbegelder in der Medienbranche wegbrechen (bei Print) und wo sie demnächst vielleicht etwas ansteigen (im Digitalbereich). Er beklagte die Abokrise, den Uhren-und-Schmuck-Journalismus und die Auflagenverluste der Tageszeitungen in Großstädten. Er fasste die Irrtümer der Verleger zusammen, die anfangs gedacht hätten, dass das Internet nur eine Modeerscheinung sei und kostenlose Angebote helfen würden und die jetzt – wie etwa die „Bild“-Zeitung – die Paywall als journalistische Revolution feiern würden. Dabei zeigte er eine kleine Animation, in der sich „Bild“-Chef Kai Diekmann per Morphingeffekt in den mittlerweile berühmten Kapuzenpulliträger verwandelte.

Funktionieren Online-Bezahlangebote?

Dieser Vorstoß des Springer-Verlags war auch in der anschließenden Podiumsdiskussion umstritten. Neben Schnibben saßen da Jakob Augstein, Chefredakteur des „Freitag“, der dem Großverlag zutraut, damit „einen Kulturwandel einzuleiten“, und Stefan Niggemeier, der bezweifelte, dass der deutsche Journalismus durch ein Online-Bezahlangebot der „Bild“-Zeitung gerettet werden könne. Augstein, der mit seiner Wochenzeitung seit 2009 vormacht, wie man Online- und Print-Ausgabe gleichberechtigt verknüpfen kann, winkte jedoch ab, als er nach Tipps gefragt wurde: „Wir haben diese abgedrehte Philosophie und sind als Nischenprodukt viel zu klein.“ Bereits vor vier Jahren hatte er bei der Netzwerk-Recherche-Tagung das gesagt, was auch diesmal auf den Podien doch immer wieder deutlich wurde: „Letztendlich heißt Journalismus heute: Mit weniger Leuten mehr machen und weniger Geld verdienen.“

Dass die Lage „beschissen, aber hoffnungsvoll“ sei, sagte Silke Burmester als „Kriegsreporterin bei den wahren Helden der Gegenwart“ in ihrer Rede zur Lage des Journalismus, der den Ton für den zweiten Kongresstag vorgab. Die Themen: der Mediencoup Offshoreleaks, „Bushido und die Mafia“ und hyperlokale Online-Nachrichten.

Den Negativpreis der Verschlossenen Auster für den Informationsblockierer des Jahres ging an Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich. Die Journalistenorganisation Netzwerk Recherche würdigt damit die restriktive Haltung von Friedrich in der Auseinandersetzung um Auskunftsrechte von Journalisten bei Bundesbehörden und die Blockadehaltung des Ministeriums beim Informationsfreiheitsgesetz. Anders als andere Preisträger in den Vorjahren nahm das Ministerium den Preis in Hamburg nicht persönlich entgegen. Georg Mascolo, der ehemalige „Spiegel“-Chefredakteur, sagte in seiner Laudatio auf den Preisträger: „Wir Journalisten haben ein verfassungsmäßiges Recht auf Auskunft. Warum weiß der Verfassungsminister nichts davon?“

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