Neue Aufgabe : Auf eigene Rechnung

Als „Focus“-Chefredakteur ist er gescheitert, nun will sich Wolfram Weimer als Verleger neu erfinden. Irgendwann reizt einen nur noch der Trainerjob, sagt er.

Tim Klimeš
Große Vereine. Wolfram Weimer wird sein eigener Chef. Der Publizist hat den gesamten Verlagsbereich der Finanzpark AG (u. a. „Börse am Sonntag“) gekauft. Foto: ddp Foto: dapd
Große Vereine. Wolfram Weimer wird sein eigener Chef. Der Publizist hat den gesamten Verlagsbereich der Finanzpark AG (u. a....Foto: dapd

Eine Überschrift für dieses Porträt scheint er schon im Kopf zu haben: Der „intellektuelle Konservative der nächsten Generation“, so beschreibt sich Wolfram Weimer selbst. Dafür, für diese Position, gebe es einen Markt in Deutschland, sagt er relativ früh im Gespräch. Weimer weiß, wie man Marken platziert, das hat er in der Vergangenheit bewiesen. Nur geht es heute nicht mehr um irgendeinen Printtitel – es geht um ihn und seinen Platz in der Branche.

Ein gutes Jahr ist es her, dass wir uns zuletzt sprachen. Im Januar 2011 noch in seinem Chefredakteursbüro im Münchner Arabellapark und nicht im Seehaus am Englischen Garten. 36 Minuten und 55 Sekunden lief damals das Aufnahmeband, es war ein gehetztes Interview über Weimers Pläne für den „Focus“, über seine Akzeptanz in der Münchner Redaktion und das Verhältnis zu Helmut Markwort. Ein kurzes Gespräch, an dessen Ende Weimers Sekretärin die Tür aufriss, um den Chef aus der unkommoden Situation zu befreien: „Herr Weimer, Sie müssen dann jetzt ...“

In der Zwischenzeit ist viel passiert. Wolfram Weimer ist beim „Focus“ rausgeflogen, auch wenn der Verlag das Ganze diplomatischer formulierte und die in solchen Fällen gern genommenen „neuen Projekte“ anführte, derer sich „Dr. Wolfram Weimer“ nun „zuwenden“ wolle; er werde die „Burda News Group“ außerdem „auch in Zukunft beraten“. Trotz der kommunikativen Kosmetik war klar: Das Experiment, das von Anfang an unter keinen guten Vorzeichen gestanden hatte, ist gescheitert. „Focus“-Erfinder Markwort wollte Weimer nicht. Verlagschef Burda konnte Markwort nicht von Weimer überzeugen. Weimer musste gehen.

Seehaus, Englischer Garten, sechs Monate später: Wolfram Weimer will nicht mehr über den „Focus“ reden. Es sei eine „schwierige Zeit“ gewesen, das lässt er mich noch im Block festhalten. Aber mehr? Er will nichts Schlechtes über die Ex-Kollegen sagen. Deshalb gibt es keine Kommentierung der Details, die in jüngster Vergangenheit immer wieder aus dem Arabellapark drangen: Nichts Offizielles über Helmut Markwort, der die Zusammenarbeit mit Weimer gegen Ende zunehmend erschwert haben soll. Der wohl so wenig loslassen konnte, dass er darauf bestand, weiterhin in seinem alten Büro, direkt vor den Füßen Weimers, zu residieren. Verlagschef Hubert Burda soll gepoltert haben, angesichts des Affronts: „Wenn der neue da ist, muss der alte General die Kompanie in Ruhe lassen.“ Doch Markwort blieb. Weimer ging.

Wie hat Uli Baur, jetzt alleiniger „Focus“-Chef, die Zusammenarbeit mit Weimer erlebt? Anfrage bei Burda, sechs Monate nach Weimers Weggang: War es ein Kampf Nutz- gegen Denkwert? Was ist dran am kolportierten Streit um Titelstorys? Diese und andere Fragen bleiben auf offiziellem Weg unbeantwortet. Uli Baur werde sich „natürlich nicht zu seinem ehemaligen Kollegen“ äußern, heißt es aus der Presseabteilung. Man wolle bei „Focus“ nicht nachkarten. Doch unter vorgehaltener Hand wird aus der Redaktion berichtet, wie Weimer Redakteure verärgert haben soll, weil er ihnen vermeintlich vakante Posten versprach, die längst besetzt oder nie zu besetzen waren. Wie er immer wieder über und nicht mit der Redaktion gesprochen haben soll, wie er damals der „Zeit“ ein Interview gab und sich rühmte, den „Focus“ „wachgeküsst“ zu haben – illustriert mit einem Bild von ihm im Berliner Verlegerbüro. Ein Affront, schwelte doch gerade die Umzugsdiskussion in der Münchner Zentrale. „Weimer ist über sich selbst gestürzt“, sagen sie jetzt.

Die Zeit ist für Weimer abgeschlossen. Er hat ein Buch geschrieben – auch deshalb wird er dieses Treffen zugelassen haben –, der Titel: „Heimspiel“. Eine Realsatire, in der die Bundeskanzlerin Franz Beckenbauer zum Bundespräsidentenkandidaten ausruft. Unterhaltsame 120 Seiten, geschrieben im Lichte der Wulff-Affäre. Auch eine Abrechnung mit dem politischen Berlin, den Medien und ihren Mechanismen. Nur ein laues Lüftchen muss in diesen süffisant geschriebenen Zeilen aus dem Kanzleramt wehen, schon hyperventiliert die Hauptstadtpresse – Weimer fantasiert sich genüsslich die möglichen Headlines der Journalisten zusammen. Ein großer Pott Banalität – und zeitgleich Weimers Charakterisierung der Branche, die ihm womöglich fremd geworden ist. 21 Jahre war er Teil von ihr: 1990 Redakteursantritt bei der „FAZ“, 1994 Wechsel für das Blatt ins Madrider Büro, erneute vier Jahre später Wechsel als stellvertretender Chefredakteur zum Springer-Blatt „Welt“, im Anschluss deren Chefredakteur und Chef der „Berliner Morgenpost“ in Personalunion, bis er 2003 „Cicero“ entwickelte und für den Schweizer Ringier-Verlag umsetzte. Dann kam „Focus“.

Und jetzt? „Ich habe mich bewusst entschieden, keine Chefs mehr haben zu wollen.“ Bei Nachfrage wird klar: Weimer will nicht mehr auf fremde Rechnung handeln, er will keine Vorstände und Herausgeber mehr über sich, denen er berichten und für deren Botschaft er geradestehen muss. Aber was soll dann noch kommen? Weimer ist jetzt 47 Jahre alt. „Wissen Sie, wenn man als Fußballer für einige große Vereine gespielt hat, reizt einen irgendwann nur noch der Trainerjob.“ Er wird nicht viel konkreter beim Gespräch im Seehaus. Einige Wochen später schickt er die Pressemitteilung, die tags darauf seinen Neuanfang verkündet: Wolfram Weimer wird sein eigener Chef. Verlagschef. Der Publizist hat den gesamten Verlagsbereich der Finanzpark AG (u.a. „Börse am Sonntag“) gekauft. „Vom Chefredakteur zum Verleger“ titelt das „Handelsblatt“ – und Wolfram Weimer zuckt zusammen: Verleger klinge so hochtrabend. Er will mit der Finanzpark AG den Erfolg von „Cicero“ wiederholen: Hochwertigen, meinungsstarken und gleichzeitig rentablen Journalismus machen – das war es, was er mit „Cicero“ beweisen konnte, und er will es wieder beweisen. Als er Ende 2010 zum „Focus“ ging, verlor er seine Debattenspielwiese. Er führte – wie zum Ausgleich – ein Debattenressort im alten Nutzwertmagazin ein.

Und so überraschte auch der Anfang unseres Gesprächs im Seehaus nicht. Weimer hatte gerade um Verständnis für seine Verschwiegenheit in Sachen „Focus“ gebeten, da machte er ein alternatives Gesprächsangebot: „Wir können gerne über die Bundesrepublik im Spiegel der Wulff-Affäre sprechen“, sagte er. „Oder die kulturelle Schuldenkrise Deutschlands.“ Er wollte: debattieren.

Seien Sie sicher, dass ich auch in Zukunft jede Einladung in eine Talkshow annehmen werde, hatte Weimer gesagt. Er hätte es nicht betonen müssen. Es ist der Platz in der Branche, den er gesucht hat: in der Mitte der Meinungsmacher.

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