Neue Serie "Fortitude" : Ich möchte kein Eisbär sein

Der sicherste Ort der Erde? Die britische Sky-Serie „Fortitude“ bringt Unheil in die Schnee-Provinz, lockt mit freizügigen Forscherinnen und skurrilen Ermittlern.

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"Fortitude": Die Bürgermeisterin (Sofie Grabol), der Detektiv (Stanley Tucci,l.), der Forscher (Christopher Eccleston).
"Fortitude": Die Bürgermeisterin (Sofie Grabol), der Detektiv (Stanley Tucci,l.), der Forscher (Christopher Eccleston).Foto: Sky

Leonardo da Vinci hat den Sinn aller Verwitterungen und Erosionen darin gesehen, am Ende die Erdfigur der vollkommenen, rings mit Wasser bedeckten Kugel wiederherzustellen, wie sie vorm ersten Schöpfungstag bestanden hätte. So gesehen hätte der Renaissance-Meister wohl seine Freunde an all den TV-Serien der jüngeren Vergangenheit, die in wüsten Schneelandschaften spielen, wie „Lilyhammer“ oder „Fargo“. Es ist ein fiktionaler Topos geworden, dass diese zugeschneiten Provinzen bei aller Abgeschiedenheit, bei allen unterschiedlichen Plot- und Figurenkonstruktionen mit viel kreativer Autoren-Fantasie eine große Dosis Gewalt freisetzen können.

So auch in „Fortitude“, einer zwölfteiligen englischen Dramaserie, die der Pay-TV-Sender Sky Go am Donnerstag auf Abruf startet, laut „Times“ „eine der am heißesten erwarteten TV-Serien im Jahr 2015“. Viel mehr Verwitterung als an diesem Ort – gedreht wurde in Island – geht nicht. Eis. Schnee. Dazu blutrünstige Eisbären, vor denen auf der Schildern der arktischen Provinzstadt Fortitude gewarnt wird. Für genau 713 Einwohner, die zum Schutz vor den Widrigkeiten der Natur gesetzlich dazu verpflichtet sind, immer eine Schusswaffe mit sich zu tragen. Ein sehr eigenartiger Ort, an den es Forscher, Einzelgänger und erstaunlich viele attraktive Frauen verschlagen hat.

Paradiesische Zustände

Die Polizei hier hat im Grunde kaum etwas zu tun. Wozu auch? Es hat in der Geschichte Fortitudes noch nie ein Verbrechen gegeben. Paradiesische Zustände. Angeblich der sicherste Ort der Erde. Bis jetzt. Bis der Forscher Charlie Stoddart (Christopher Eccleston) tot in seinem Haus aufgefunden wird, sein Oberkörper blutig aufgerissen, zerfleischt. War es ein Eisbär? Damit könnte Bürgermeisterin Hildur Odegard (Sofie Grabol) noch gut leben, will sie aus dem abgeschiedenen Nest doch mittels eines ins Eis gehauenen Luxushotels ein Tourismusziel machen. Schnell wird klar, dass der Brite Opfer einer Mordtat wurde. Und dass dessen Forschung nicht ganz so harmlos gewesen sein kann. Der knorrige örtliche Sheriff Dan Anderssen (Richard Dormer) bekommt den britischen Detective Eugene Morton (Stanley Tucci) vor die Nase gesetzt.

Zwei verschieden gestrickte Detektive, das erinnert an eine andere Serie aus 2014, an „True Detective“. Die spielte zwar in den – auf ihre Weise ähnlich uniform verwitterten – Bayous Louisianas, aber schon nach den ersten beiden Folgen von „Fortitude“ drängt sich das Gefühl auf, dass wir es hier nahe der Arktis mit einem ähnlich geistesgestörten Mörder zu tun haben könnten wie die Ermittler Martin Hart und Rust Cohle in den Südstaaten. Ein Mysterium allemal.

Die sexuell freizügige Forscherin

Ein Mysterium wie der Krankheitsfall eines hochfiebrigen Jungen, dessen Mumpsdiagnose sich als vordergründig entpuppt. Mit der Ruhe ist es in der eingeschworenen Gemeinde vorbei. Eine Figur nach der anderen fällt aus ihrem sozialen Rahmen: neben dem Sheriff und der Bürgermeisterin, beide ein Paar, die sexuell freizügige Forscherin Natalie (Sienna Guillory), der Wissenschaftler Vincent (Luke Treadaway) und seine Kollegin Jules Sutter (Jessica Raine), die eine fragile Ehe mit dem Rettungspiloten Frank Sutter (Nicholas Pinnock) führt. Dazu noch der alte Tierfotograf Henry Tyson (Michael Gambon), der an Leberkrebs zugrunde geht. Er weiß offenbar mehr als die anderen.

Kriminaldrama, Beziehungsgeschichte, Psycho- oder gar Gruselfilm, es dauert eine Folge, 45 Minuten, bis man so richtig warm wird mit dieser neuen Serie. Dann möchte man nicht mehr aufhören hinzuschauen, auf all das verwitterte Weiß, wo die Grenzen von Wasser und Land nicht zu ziehen sind, den Adlerblick der Kamera, der Schneelandschaften beschwört und dabei diejenigen umso mehr ins Dunkel taucht, die da unten ihre Unschuld verloren haben. Wenn die Autoren weiter solche Serien wie „Fortitude“ schreiben, können sie sich mit da Vinci messen.

„Fortitude“ steht ab dem 29. Januar in der Originalversion über dem Pay-TV-Kanal Sky Go zum Abruf bereit, zwölf Folgen. Die Synchronfassung dazu ab 3. März auf Sky Atlantic.

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