Neues Magazin für die Kulturdiaspora : Ernst und syrisch

„A Syrious Look“ soll ein neues Magazin aus Berlin heißen, das den Intellektuellen und Künstlern aus Syrien eine Stimme geben soll.

Esteban Engel
Mario Münster (links) und Ziad Adwan, die Macher des Flüchtlingsmagazins "A Syrious Look".
Mario Münster (links) und Ziad Adwan, die Macher des Flüchtlingsmagazins "A Syrious Look".Foto: dpa

Vor wenigen Tagen kehrte die Ehefrau von Mohammad Abou Laban aus Damaskus zurück. Es herrsche Partystimmung abends in der Stadt, Ausschweifungen aller Art, eine Gesellschaft löse sich auf, habe sie berichtet. Der Syrer erzählt mit einer Mischung aus Entsetzen und Verwunderung über seine Heimat in einem Berliner Caféhaus - und demnächst wohl auch in einer neuen Zeitschrift. „A Syrious Look“ soll das Magazin heißen, die Kombination der englischen Worte für „ernst“ und „syrisch“ ist Programm. Von Berlin aus wollen sich Laban und andere syrische Intellektuelle und Künstler regelmäßig zu Wort melden - auf Englisch.
Die Kultur-Zeitschrift soll ab Herbst in einer Auflage von zunächst 4000 Exemplaren erscheinen und 10 Euro kosten. Berlin, sagt der 40-jährige Regisseur und Drehbuchautor, sei ein Zentrum der Kulturdiaspora, in keiner anderen europäischen Stadt lebten so viele Kreative aus Syrien.

Video
Die Sängerin Marianne Rosenberg hat am Freitagabend zusammen mit dem Entertainer Tilly Creutzfeldt-Jakob (r) und dem Schwulen-Aktivisten Gerhard Hoffmann auf einer Benefizveranstaltung Spenden für LGBT-Flüchtlinge gesammelt.
Marianne Rosenberg engagiert sich für Flüchtlinge

Startschuss bei einer Hochzeit

Geboren wurde das Projekt aus einer Zufallsbegegnung. Im Oktober 2015 trafen Laban und der Regisseur Ziad Adwan zufällig den Medienmacher Mario Münster auf einer Hochzeit in Berlin. Münster gibt seit 2013 das Lifestyle-Magazin „Rosegarden“ heraus, im Gespräch mit ihm entstand die Idee, den Kulturschaffenden aus Syrien eine Stimme zu geben.
Angesichts hunderttausender, teilweise gut ausgebildeter Flüchtlinge aus der arabischen Welt entsteht gerade ein publizistischer Markt für die Neuankömmlinge. In Köln erscheint seit Dezember die Flüchtlingszeitung „Abwab“ („Türen“). Das Gratisblatt informiert über das Geschehen in der arabischen Welt, hat aber einen Schwerpunkt auf Deutschland. Der Auslandssender Deutsche Welle verzeichnet wachsende Abrufzahlen aus dem deutschen Inland für ihr arabisches Streaming-Angebot.

Plattform, um Syrien von außen zu verändern



Die Macher von „A Syrious Look“ sehen für sich eine andere Perspektive. „Wir wollen eine Plattform, um Syrien von außen zu verändern“, sagt Laban. „Der Krieg hat die Frage der Identität des Landes aufgeworfen“, eine Erneuerung nach dem Ende von Bashar al-Assads Herrschaft könne angesichts der geistigen Zerstörungen nur aus dem Ausland kommen. „Sex, Religion, Politik - das sind rote Linien, die man in Syrien nicht überschreiten darf“. Im Exil könne sich die Kulturdiaspora auch von der Last der Religion befreien. Syriens Exil wolle aus Europas Nachkriegserfahrungen lernen. „Wir haben keine Zeit für Nostalgie“, sagt Laban. Beispiele sieht er bei Juden und Armeniern. Sie bereiteten die Gründung ihrer Staaten lange im Ausland vor.
In der ersten Ausgabe soll neben Fotoessays und Künstlerporträts auch ein langes Gespräch mit Sadiq Jalal al-Azm erscheinen. Der 1934 geborene Philosoph und Menschenrechtsaktivist gilt als einer der bedeutendsten Intellektuellen der arabischen Welt. Immer wieder hat der Wissenschaftler das traditionelle Verständnis des Islam in Frage gestellt - und ist dafür verfolgt und angefeindet worden. Münster, der „Kreativunternehmer“ als Berufsbezeichnung angibt, hat eine erste Finanzierungsrunde sichergestellt. Neben der Großspende eines Handelskonzerns sammelt er Gelder über den von ihm mitgegründeten Hamburger Verein Kombüse, der sozialunternehmerische Projekte fördert.

Vertrieben werden soll die Zeitschrift im Bahnhofs- und Flughafenbuchhandel und neben anderen Hochglanzblättern ausliegen. Münster versteht sein Engagement für „A Syrious Look“ als persönlichen Beitrag zur Integrationsdebatte. „Wenn ich so ein Projekt mit Unterstützung meiner Freunde auf die Beine stellen kann, dann ist das hoffentlich ein kleiner Beitrag für ein großes Thema.“ (dpa)

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben