Neues Magazin „mindart“ für Spiritualität : Wie gedruckte Gehirnwäsche

„mindart“, das am 15. Oktober erstmals auf den Markt kommt, ist ein neues Magazin für Selbstverbesserer und Weltverbesserer. Da wird Fleischkonsum schon mal mit Hexenverbrennung verglichen.

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„Mindart“:  Im Magazin wird Fleischkonsum mit Hexenverbrennung verglichen.
„Mindart“: Im Magazin wird Fleischkonsum mit Hexenverbrennung verglichen.Repro: Tsü

„Wie verteidigst du dich gegen deine eigene Schönheit?“ Tja. Das kann man sich durchaus fragen – obwohl sich sicher eher wenige Bundesbürger mit dieser teifgreifenden Problematik befassen. Das Magazin „mindart“, das am 15. Oktober mit seiner ersten Ausgabe auf den Markt kommt, tut es. Beziehungsweise: Chefredakteur Nicolas Flessa stellt diese Interview-Frage der Schauspielerin und Ewig-Junggebliebenen Christine Kaufmann. Kaufmann, die sich mit halsbrecherischen Verrenkungen durch das Layout räkelt, erklärt Flessa außerdem, dass der unschöne Vorgang des Alterns vor allem auf einen „Mangel an Berührung“ zurückzuführen sei. Nebenan schaltet sie deshalb quasi vorbeugend eine Anzeige: Für ihr neues, Buch und DVD gewordenes „Verjüngungsprogramm“. „So kann ich mich jederzeit neu erfinden!“

„mindart“, so steht es auf dem Cover, „schafft Bewusstsein für die Welt von morgen“. Die Rubriken des Magazins heißen „Zwischen Himmel und Erde“, „Quellen der Inspiration“, „Bytes und Blüten“. An „mindart“, das ist klar, ist kein „Spiegel“ verloren gegangen. Nicht einmal eine „Brigitte“. Das ist auch nicht geplant. „mindart“ ist eine hochwertig gestaltete Publikation für spirituell Interessierte. Richtet man sich nach den in der ersten Ausgabe behandelten Themen: Vor allem für Yoga-Praktizierende und Veganer. Für Astrologie-Anhänger und Parapsychologie-Gläubige. Nicht jedermanns Fall, ein Nischenprodukt, sicher. Aber: Warum eigentlich nicht? Jedem Tierchen sein Pläsierchen.

Hochgefährlicher Irrsinn

Das Problem ist nur: „mindart“ kommt streckenweise nicht entspannt-esoterisch daher, sondern wie gedruckte Gehirnwäsche. Zum Beispiel wenn Ruediger Dahlke auf sechs Seiten Fleisch und Milchprodukte regelrecht verdammen darf, um anschließend „Pseudo-Argumente gegen Vegan“ zu entkräften: Da wird Fleischkonsum schon einmal wortwörtlich mit der inquisitorischen Hexenverbrennung verglichen. Dahlke ist zwar promovierter Mediziner mit breiter Fanbase, aber durchaus umstritten. Er propagiert auch, dass Krebspatienten keine festen Mahlzeiten zu sich nehmen, sondern auf „Lichtnahrung“ umsteigen sollen. Kollegen brandmarken seine Ansichten als „hochgefährlichen Irrsinn“.

Dass Leser von „mindart“ nicht alle Inhalte für bare Münze nehmen sollten, ergibt sich schon durch das Unternehmen, das hinter dem Magazin steht. Es ist ein Produkt der Adviqo AG, deren drei Hauptgesellschafter Risikokapitalfonds sind. Adviqo gibt auf seiner Homepage an, sich speziell an Frauen zu richten. Zum Angebot der AG gehören unter anderem auch „astroTV“ sowie das Lebensberatungsportal „questico“. Jetzt also „mindart“. Adviqo AG-Vorstand Klaus Lechner – im Übrigen ein knallhart gelernter BWLer, der früher in der Mobilfunkbranche arbeitete – fungiert als Herausgeber. Für alle Angebote der AG gilt übrigens: (Vom Kunden werden) „kostenpflichtige Dienste in Anspruch genommen, deren Grundlagen und Wirkungen nach den Erkenntnissen der Wissenschaft und Technik nicht immer erweislich sind, sondern nur einer inneren Überzeugung, einem dahingehenden Glauben oder einer irrationalen, für Dritte nicht nachvollziehbaren Haltung (...) entsprechen können.“ So steht es auf der Firmenhomepage.

Fragebogen zur Selbstliebe


Kostenpflichtig bedeutet im Fall von „mindart“ sechs Euro neunzig für 130 Seiten. Ein Fragebogen zur Selbstliebe, eine Kolumne über „innere Erneuerung“ und eine Nahtod-Abhandlung sind inklusive. Das Halbseidene überdeckt leider auch die wenigen interessanten, da handfesten Themen: Ein Interview mit Pierre Baigorry, besser bekannt als Peter Fox, über mutigere Politik. Zwei Reportagen: Eine über eine blinde Reitlehrerin; die andere über Erlebnisse einer Frau, die allein durch den Iran reist. Schön. Doch zu wenig, zu kurz. Das Seriöse verschwindet in einem Strudel aus veganem Sternenstaub.
Für die nächste Ausgabe der „mindart“, die im Dezember erscheinen soll, sind unter anderem Interviews mit dem Liedermacher und Komponisten Konstantin Wecker sowie dem Grünen-Politiker Cem Özdemir angekündigt. Vielleicht sieht man Wecker und Özdemir ja bald auch bei „astroTV“.

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